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alte Saiten

Kennt ihr das, dass manche Dinge es schaffen, ohne irgendwelche Umwege alte Saiten anzuschlagen? Da gibt es keine Gedankenbremse, sondern es geht direkt in die Gefühlsabteilung. Dort werden dann alte, verschlossen gemeinte Kisten aufgestoßen und plötzlich fühlt man das selbe, was man schon hunderte Male vorher gefühlt hat. Es werden alte Saiten angerissen, die zwar meist nicht gut, aber nichtsdestotrotz lange klingen. 
Diese Saiten wurden in den allermeisten Fällen schon in unserer Kindheit aufgezogen. Es sind die inneren Sätze, mit denen wir aufgewachsen sind, die wir so internalisiert haben, dass sie uns in den allermeisten Fällen gar nicht bewusst sind - die uns aber ständig unterbewusst begleiten.
Leider Gottes sind es in sehr, sehr vielen Fällen negative Sätze.
"Du bist nicht gut genug" oder "Du musst Dich mehr anstrengen" oder "mach schneller" oder "so geht das nicht" sind häufige innere Glaubenssätze. "Du bist zu ..." ist auch gerne genommen. Für die drei Punkte kann man quasi alle negativ besetzten Adjektive einsetzen, die einem so einfallen. Dick, faul, hässlich, unkonzentriert, langsam, unordentlich usw.  Egal was - die Grundaussage ist immer: Du bist keinesfalls in Ordnung, so wie Du bist. 
Ich glaube, die allermeisten von uns laufen mit solchen inneren Glaubenssätzen und alten Saiten durchs Leben. Manchen sind sie überhaupt nicht bewusst - und trotzdem werden sie immer und immer wieder von ihnen angetrieben. Andere haben eine Ahnung davon und können sich vielleicht sogar in ein paar Situationen dagegen stellen - und andere Situationen bringen die Saiten doch ins Schwingen.
Schaut man in unsere Gesellschaft, sieht man, dass dieses negative Menschenbild, dieses "man muss etwas verbessern, keiner ist gut (genug)" überall zu finden ist. Begonnen bei den Entwicklungsgesprächen in Kindergarten und Schule, wo es ganz oft darum geht, was Kinder (noch) nicht können, über Schulnoten bis hin zu Feedbackgesprächen in der Arbeit - immer geht es darum, was (noch) nicht passt. Die Dinge, die gut sind nehmen leider oft (zum Glück nicht immer) nur einen sehr, sehr kleinen Raum ein. 
"Net g'schimpft is g'lobt gnua" heißt es in Bayern. Nicht geschimpft ist genug gelobt. Eigentlich doch eine traurige Aussage. Denn während wir auf der einen Seite doch alle danach streben, Anerkennung zu bekommen, gesehen zu werden als das, was wir sind und mit dem, was wir können sind wir auf der anderen Seite nicht bereit, anderen genau diese Anerkennung zukommen zu lassen? Warum? Weil ich dann auch mal zugeben muss, dass jemand etwas besser kann, als ich? Weil ich andere damit groß werden lasse - vielleicht sogar größer als mich? Fühle ich mich vielleicht minderwertig? Würden wir alle etwas freizügiger mit Lob umgehen, wäre die Chance ja sehr hoch, dass ich auch gesehen (und gelobt) werde - und damit wachsen kann.
Meine Bitte an Euch alle - gerade an die, die Kinder haben - ist: Lobt. Lobt ehrlich und offen und nicht nur für großartige Leistungen sondern (wenn berechtigt) auch für den Versuch. Wenn ein Kind versucht hat, alle Vorgaben in einem Deutschaufsatz umzusetzen und trotzdem nur eine 4 bekommt, kann ich sehr wohl loben - dafür, dass es versucht hat, alles umzusetzen. Dass es im Vergleich zum letzten Aufsatz Dinge verändert hat, die es verändern sollte. Legt die Latte fürs Loben nicht zu hoch. 
Denn letztlich sind wir jetzt diejenigen, die unseren Kindern die inneren Glaubenssätze einpflanzen, mit denen sie durch ihr Leben gehen werden. Wir ziehen jetzt die Saiten auf, die ein Leben lang schwingen werden und die nur mit sehr, sehr viel Arbeit gewechselt werden können. 
Also: Passt auf, in welche Saitenschublade ihr greift, und was ihr aufzieht.

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