Direkt zum Hauptbereich

ohne jeglichen und schon gar nicht mit freundlichem Gruß

 Als ich ein Kind war, hat mein Vater manchmal Briefe an Stellen, über die er sich geärgert hatte, statt mit dem üblichen " Sehr geehrter Herr ...", "mit freundlichen Grüßen" mit leicht abgewandelten Grußformeln begonnen und beendet. Am Anfang wurde das "Sehr geehrter" gekürzt, bei extremem Ärger auch alle Titel.  Statt "Sehr geehrter Herr Dr. Müller" stand dann da nur noch "Herr Müller". Und beendet wurden derartige Briefe dann zum Beispiel mit: "mit höflichem Gruß" (sehr milder Ärger) oder "mit weniger freundlichen Grüßen" (schon ein bisschen angespannter) oder auch "ganz ohne Gruß" (ziemlicher Ärger). Damals fand ich das furchtbar albern und peinlich. Heute kann ich das so gut verstehen... (Mein Sohn würde sagen: "I feel you...")

Ich würde momentan auch gerne einige Briefe schreiben - ganz ohne Titel und mit "ohne jeglichen und schon gar nicht mit freundlichem Gruß". Das würde wahrscheinlich nur leider niemanden interessieren. Wahrscheinlich gibt es an den "neuralgischen Punkten" schon gar niemanden mehr, der die ganzen Briefe liest. Ich könnte mir vorstellen, dass die bayerische Staatskanzlei, das Kultusminsterium, das Gesundheitsministerium, das Wirtschaftministerium  und viele andere Stellen derzeit von Briefen und Mails geradezu überschwemmt werden. 
Vor meinem inneren Auge sehe ich die Menschen in den Poststellen der Ministerien mit Schneeschaufeln bewaffnet versuchen, die Papierflut durch die weit geöffneten Fenster (gut gegen Aerosole) in bereitstehende Container zu schaufeln, während im Hintergrund dramatische Musik zu hören ist. Vereinzelt sieht man einzelne Blätter durch die Luft taumeln, die sich aus den Briefen gelöst haben, mein inneres Auge zoomt auf so ein vorbeifallendes Briefblatt auf dem die Worte zu erkennen sind "bitte überdenken Sie die Entscheidung hinsichtlich der Leistungsüberprüfungen, mit" und bevor man lesen kann, mit welchen Grüßen ist das Blatt im Gewühl der anderen Blätter im Papiercontainer verschwunden und wird durch Massen von weiteren Briefen verschüttet... Niemand wird je erfahren, ob es mit freundlichen, mit weniger freundlichen, mit erschöpften, wütenden oder gar keinen Grüßen endete...

Vielleicht sollten wir überlegen, ob wir Poststellen wieder besser besetzen. Beim Christkindel-Postamt wird auch jeder Brief beantwortet - ein Zustand, von dem man bei Behörden und Ministerien nur träumen kann. So eine Poststellen-Stelle könnte ja für Menschen interessant sein, die pandemiebedingt arbeitslos sind. Dann würde ich vielleicht eine Antwort auf meinen Brief bekommen. Dann würde ich ihn vielleicht sogar schreiben. Abschließen würde ich ohne Gruß mit dem Satz: Dieser Brief ist maschinell erstellt und ohne Unterschrift gültig.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ich mir zu Weihnachten schenke

Weihnachten steht vor der Tür und gefühlt dreht die ganze Welt gerade am Rad.  Besonders in scheint gerade zu sein, sich selbst über alles zu stellen. Das geschieht im Großen der Weltpolitik, wo es anscheinend nur noch Despoten und größenwahnsinnige Egomanen gibt, das passiert aber auch im Kleinen, in Partnerschaften, Familien und anderen sozialen Gefügen, wo man sich das Recht nimmt, über die Grenzen der anderen hinweg seine eigenen Wünsche oder Ansichten durchzudrücken oder seine Wahrnehmung als die unverbrüchliche Wahrheit anzunehmen. Auch in meinem näheren Umfeld hat das im letzten Jahr stark zugenommen. Beruflich und privat.  Ich schenke mir jetzt selbst zu Weihnachten das Recht, da auszusteigen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich immer ein offenes Ohr habe, dass man zu mir immer kommen kann, dass ich helfe, wenn ich kann. Das werde ich auch weiterhin tun. Was ich jedoch nicht mehr tun werde, ist, zuzulassen, dass ich für die Befindlichkeiten von anderen die Verantwortung...

alte Saiten

Kennt ihr das, dass manche Dinge es schaffen, ohne irgendwelche Umwege alte Saiten anzuschlagen? Da gibt es keine Gedankenbremse, sondern es geht direkt in die Gefühlsabteilung. Dort werden dann alte, verschlossen gemeinte Kisten aufgestoßen und plötzlich fühlt man das selbe, was man schon hunderte Male vorher gefühlt hat. Es werden alte Saiten angerissen, die zwar meist nicht gut, aber nichtsdestotrotz lange klingen.  Diese Saiten wurden in den allermeisten Fällen schon in unserer Kindheit aufgezogen. Es sind die inneren Sätze, mit denen wir aufgewachsen sind, die wir so internalisiert haben, dass sie uns in den allermeisten Fällen gar nicht bewusst sind - die uns aber ständig unterbewusst begleiten. Leider Gottes sind es in sehr, sehr vielen Fällen negative Sätze. "Du bist nicht gut genug" oder "Du musst Dich mehr anstrengen" oder "mach schneller" oder "so geht das nicht" sind häufige innere Glaubenssätze. "Du bist zu ..." ist auch ge...