Zur Zeit denke ich mir ganz oft:
"Der/die ist doch mit dem Klammerbeutel gepudert!!!"
Normalerweise neige ich ja zu chronischem Kopfschütteln, aber mittlerweile ist die Grenze der nachsichtigen Kopfbewegung echt überschritten.
Mitte Januar: Bayern streicht die Faschingsferien, weil im Homeschooling zu viele Inhalte nicht bearbeitet werden.
Ich frage mich: "Ja sind die denn mit dem Klammerbeutel gepudert?!"
Was steckt denn da für ein Bild dahinter? "Die Kinder und Lehrer sind doch eh faul, liegen gechillt bis um 9 im Bett, machen dann larifari eine Videokonferenz, schauen sich zwei Youtube-Videos an und bearbeiten dann ein Arbeitsblatt und das wars"???
Ist eigentlich irgendeinem dieser Entscheider klar, was unsere Kinder gerade LEISTEN? Die sitzen zu Hause - ohne Freunde, ohne Kontakt, oft mit angespannten Eltern (oder ganz ohne Eltern, weil die arbeiten müssen/dürfen). Die erarbeiten sich die Inhalte großteils selbst. Denn selbst der engagierteste Lehrer ist halt nicht bei ihnen zu Hause, steht nicht dabei, ist nicht (wie im Präsenzunterricht) direkt bei Fragen verfügbar.
Da lässt man Kinder seit mittlerweile 8 kompletten Wochen zu Hause. Davon verlangt man 5 Wochen lang, dass sie sich selbst motivieren, strukturieren, sich Inhalte selber drauf schaffen, dass sie ohne Freunde und Kontakt trotzdem bei der Sache bleiben, dass sie die Sachen in ungeliebten Fächern genauso gut machen wie in den Lieblingsfächern, dass sie die Dinge, die sie über gelesene Arbeitsblätter gelernt haben genauso gut behalten wie das, was normalerweise im Unterrichtsgespräch erarbeitet wurde...
Schon das lässt mich denken: "Die sind doch mit dem Klammerbeutel gepudert!!!"
Nur als Beispiel: Mein Sohn ist leider ein extrem auditiver Lerntyp. Der lernt den Großteil übers Hören und was er liest bleibt nur ganz schlecht hängen. Tja. Leider verloren... "Wir werden keine Schüler zurücklassen, wir werden alle wieder mitnehmen..." Blablabla - wie soll das denn genau gehen? Egal. Anderes Thema...
Und dann streichen wir die Ferien. Braucht ja auch keiner. Wegfahren soll man ja eh nicht. Und die, die arbeiten müssen können somit wenigstens auf die Notbetreuung zurückgreifen... Und eigentlich sind die Schüler und Lehrer und Eltern ja eh tiefenentspannt, weil die TUN DOCH EH NICHTS...
Im Ernst, Leute: Seid ihr denn mit dem Klammerbeutel gepudert???
Heute: Ankündigung von Schulöffnung vielleicht ab dem 22. evtl. ab einer Inzidenz von <50, vielleicht im Wechsel, u. U. mit Maske, .... (ich glaube das erst, wenn irgendeines meiner Kinder am 22. tatsächlich in die Schule geht - ich habe dieses Schuljahr auch schon gehört, dass wir ab 50 in den Wechselunterricht gehen und ab 100 in den Distanzunterricht - nur passiert ist es dann doch nicht. Eigentlich habe ich dieses Jahr schon vieles gehört....) Keine klaren Dinge, alles mit vielleicht, wahrscheinlich, voraussichtlich....
Oh, ich vergaß - wir fahren ja "auf Sicht" - aber ganz ehrlich: Wenn ich im Nebel "auf Sicht" fahre, dann habe ich einen Plan, was ich tue, wenn etwas im Nebel auftaucht, dann habe ich aber auch einen Plan, was ich mache, wenn der Nebel sich lichtet oder vielleicht sogar ganz weg ist. Dann habe ich eine Nebelschlussleuchte und genaue Vorgaben, wann ich die verwenden darf und was ich zu befolgen habe, wenn ich sie verwende. Das Bild hinkt also. Denn außer extrem langsam zu fahren oder gar stehen zu bleiben haben ich nicht das Gefühl, dass es irgendeinen Plan gibt. Navi aus, Licht aus, im dunklen Auto verstecken und hoffen, dass mich niemand anfährt und ich nicht plötzlich über den Rand der Welt falle - so fühlt es sich für mich an.
Bei dem Thema komme ich mir vor wie ein Wackeldackel, weil ich aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr rauskomme und leise höre ich die Klammern im Beutel klappern...
Heute: Ankündigung einer Lehrkraft: Wenn nächste Woche (also wahrscheinlich eher übernächste...) wir wieder in der Schule sind, werden wir am Donnerstag eine Probe schreiben.
Not your Ernst??? Nach 9 Wochen zu Hause erwarten wir von Grundschulkindern, dass sie nach nicht mal 5 Tagen wieder frisch, fromm, fröhlich, frei ihre Leistung zeigen können? Schon mal was davon gehört, dass Stress die Leistungsfähigkeit herabsetzt? Das ein aktiviertes Bindungssystem (und das wird bei Verunsicherung nun mal aktiviert) das Explorationsvermögen und die Leistungsfähigkeit herabsetzt? Ich glaube, ihr wisst, was ich mir beim Lesen gedacht habe? Genau:
"JA SIND DIE DENN MIT DEM KLAMMERBEUTEL GPUDERT?!?"
Während man im ersten Lockdown überhaupt nichts über Kinder gehört hat, bei der Schließung nicht viel darüber gesprochen wurde, höre ich seit einer Woche nur noch "für die Kinder". Aber hat sich mal jemand Gedanken gemacht, was die wirklich brauchen?
Wie wäre es denn mal mit wirklich kreativen Lösungen? Oder mit mutigen Entscheidungen? Zum Beispiel dieses Jahr mal so just for fun auf Noten zu verzichten. Oder erst im zweiten Halbjahr zu benoten. (Ich höre schon den Aufschrei...) Was könnte denn im schlimmsten Fall passieren? Dass wir ein paar Schüler an Schulen sitzen haben, wo sie vielleicht tatsächlich nicht hingehören. OH MEIN GOTT. Haben wir jetzt auch. Dass ich keine Vergleichsmöglichkeiten habe? JA UND? Sind ja Kinder, keine Autos. Technische Daten sind nicht.
Man könnte gestaffelten Unterricht probieren (14jährige sind nachgewiesenermaßen um 8 eh nicht denkfähig). Man könnte freies Lernen in der Schule mit Tutorensystem versuchen. Man könnte, die 5./6./7. Klassen in Gesamtschulmanier laufen lassen. Man könnte so viel.
Jetzt hätte man die Möglichkeit mal neue Dinge auszuprobieren. "Out of the box-Denken" nennt man das Neudeutsch. In der Wirtschaft sehr gefragt. Nur bitte nicht im Bildungswesen. Da halten wir an allem fest. An allen Inhalten, an allen Leistungsnachweisen, an ALLEM. Und ich frag mich:
"Ja sind die denn alle mit...." - ihr wisst schon, was ich meine, oder?
Ich gehe jetzt Yoga machen, damit meine Nackenmuskulatur der Dauerbelastung beim Kopfschütteln standhält.....
Kommentare
Kommentar veröffentlichen