Heute ist es mal wieder so weit. In Bayern ist Zeugnistag.
Für viele Schüler - und auch für viele Eltern - ein Stresstag. Einer der furchtbarsten Tage im Jahr.
Während die einen, die Guten, den Beweis dafür bekommen, dass sie toll sind bekommen die anderen schwarz auf weiß wie unzulänglich sie sind. Das haben sie ja schon bei den Schulaufgaben und Exen gesehen - aber jetzt kommt die Klatsche nochmal gebündelt.
Ich persönlich bin kein Freund unseres leistungsbezogenen Schulsystems. Ich glaube, dass der Versuch, alle über den selben Kamm zu scheren dazu führt, dass man keinem wirklich gerecht wird. Und er führt zu großem Frust auf allen Seiten.
Allerdings ist mir noch nicht der große Wurf eingefallen, wie man das anders machen könnte.
Ich selbst hatte Glück. Ich habe immer schon unglaublich leicht gelernt. Noch heute sauge ich Wissen auf wie ein Schwamm - wenn zumindest ein Funke Interesse für das zu Lernende da ist. Besonders völlig unnützes Wissen findet in meinem Hirn bereitwillig Aufnahme.
Und trotz dieses unglaublichen Glücks waren meine Zeugnisse gut bis mittelmäßig. Nie schlecht, aber auch nicht brillant. Wahrscheinlich wären mit mehr Fleiß auch bessere Noten drinnen gewesen.
Aber wenn man im Schulalter ist, hat man ja vieles, was wichtiger ist, als Schule. Zumindest wünsche ich allen Kindern, dass sie etwas haben, was wichtiger ist...
Meinem Sohn ist es zum Beispiel wichtiger, draußen zu sein und zu spielen. Ketcar fahren, Sachen bauen, auf Bäume klettern, ... Meine Tochter bastelt lieber, die andere spielt lieber mit ihrem Freund. Und natürlich verlange ich von allen, dass sie erst einmal ihre Hausaufgaben erledigen. Insgeheim bin ich aber froh, dass sie alle etwas haben. Denn Schule ist meiner Meinung nach nicht das Wichtigste.
Natürlich freue auch ich mich über gute Noten. Die Krux an Noten ist, dass man dazu neigt, sie als die absolute und unverrückbare Wahrheit anzusehen. Das ist aber nicht der Fall - und zwar aus mehreren Gründen:
1.) Noten sind nie zu 100% objektiv
Nehmen wir diesen Text: Vielleicht mögen Sie meinen Stil zu schreiben. Vielleicht auch nicht. Mögen Sie ihn nicht, würden Sie diesen Text vielleicht mit einer 4 benoten (immerhin sind wenig Rechtschreibfehler drinnen) - gefällt Ihnen meine Art zu schreiben, wäre es vielleicht eine 1 oder 2.
In Kunst ist es das selbe: Ein Bild kann gefallen oder nicht. Wir haben es in meiner Schulzeit getestet: Zwei verschiedene Schüler haben dem Lehrer das selbe Bild gezeigt und hätten darauf unterschiedliche Noten erhalten.
In Mathe ist die Benotung zugegeben etwas objektiver: aber wie viele Punkte es auf den Rechenweg gibt ist immer noch individuell und differiert tatsächlich auch immer wieder je nach Schüler.
Ich mache hier Lehrern keinen Vorwurf. Sie sind Menschen und wir Menschen funktionieren einfach subjektiv. Das liegt in der Natur der Dinge und ist völlig legitim.
2.) Noten sind eine Momentaufnahme
Haben Sie schon mal mit hämmernden Kopfschmerzen versucht, alles abzurufen, was sie an Wissen in Ihrem Kopf haben? Wie gut können Sie sich an den Einkaufszettel erinnern, wenn Sie sich gerade mit jemandem gestritten haben? Können Sie sich konzentrieren, wenn eine Grippe naht und sie schon die ersten Anzeichen haben? Hatten Sie schon mal Angst vor einem Test und wenn ja: wie gut war das Ergebnis?
Unser Hirn kann nicht immer seine volle Leistung abrufen. Im Gegenteil. Meist ist es mit vielen Prozessen gleichzeitig beschäftigt. Sorgen, Ängste oder schlechte Allgemeinverfassung beeinflussen maßgeblich unsere Leistungsfähigkeit - auch die von Schülern.
Dazu kommt, dass man Stoff nicht immer gleich gut versteht. Manchmal kommt man mit der Erklärweise eines Lehrers einfach nicht klar....
All das führt dazu, dass das, was auf dem Papier steht nicht immer das ist, was der Schüler tatsächlich weiß.
3.) Von allen das Gleiche verlangen ist eben nicht fair
Gerade in Fächern, in denen Talent eine nicht unbedeutende Rolle spielt ist Benotung nach festen Rastern erst Recht schwierig. Waren Sie ein Sportass? Oder ein Musikgenie? Ich zählte eher zu letzteren. Sportlich war ich nie. Zu klein, zu dick, zu langsam, ... Ich wurde aber nach den gleichen Kriterien beurteilt, wie Menschen, die bereits jahrelang im Verein turnten.
Auf der anderen Seite sollten Mitschüler, die kein Instrument spielten genau wie ich an Noten erkennen, um welches Stück es sich handelte - was ungleich schwerer ist, wenn man keine Noten lesen kann...
Diese Karikatur von Traxler erschien bereits im Jahr 1975 - an ihrem Wahrheitsgehalt hat sich nach wie vor nichts geändert.
Mir fehlt in der Benotung ein bisschen das Individuelle. Gerade in Deutsch, in Musik, Kunst oder Sport. Nicht jeder von uns ist ein Autor, Musiker, Künstler oder Sportler. Aber man kann gut sehen, ob jemand sich bemüht hat, die Anforderungen zu erfüllen. Wenn ich sehe, dass ein Schüler im Vergleich zum Probeaufsatz versucht hat, das umzusetzen, was ich ihm gesagt habe - warum kann ich dann keine 2 geben, auch wenn das Schriftstück keinen Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnen wird. Wenn ein Kind mit Begeisterung und Engagement im Sportunterricht dabei ist und nicht nur versucht, möglichst viel Zeit auf der Bank zu verbringen - ist dann wirklich ausschlaggebend, wie hoch es springen kann?
Mein Appell an alle Eltern, die heute einen Waschzettel bekommen, auf dem eher die höheren Zahlen vertreten sind: Erst mal ausatmen. Durchschnaufen. Die Gardinenpredigt stecken lassen - ihr Kind weiß eh, woran es lag. Hilfe anbieten, in den Arm nehmen, gemeinsam Reinhard Mey hören und dran denken: Noten sagen nichts darüber, wie gut Sie als Eltern sind und erst Recht nicht, wie toll ihr Kind ist !
Für viele Schüler - und auch für viele Eltern - ein Stresstag. Einer der furchtbarsten Tage im Jahr.
Während die einen, die Guten, den Beweis dafür bekommen, dass sie toll sind bekommen die anderen schwarz auf weiß wie unzulänglich sie sind. Das haben sie ja schon bei den Schulaufgaben und Exen gesehen - aber jetzt kommt die Klatsche nochmal gebündelt.
Ich persönlich bin kein Freund unseres leistungsbezogenen Schulsystems. Ich glaube, dass der Versuch, alle über den selben Kamm zu scheren dazu führt, dass man keinem wirklich gerecht wird. Und er führt zu großem Frust auf allen Seiten.
Allerdings ist mir noch nicht der große Wurf eingefallen, wie man das anders machen könnte.
Ich selbst hatte Glück. Ich habe immer schon unglaublich leicht gelernt. Noch heute sauge ich Wissen auf wie ein Schwamm - wenn zumindest ein Funke Interesse für das zu Lernende da ist. Besonders völlig unnützes Wissen findet in meinem Hirn bereitwillig Aufnahme.
Und trotz dieses unglaublichen Glücks waren meine Zeugnisse gut bis mittelmäßig. Nie schlecht, aber auch nicht brillant. Wahrscheinlich wären mit mehr Fleiß auch bessere Noten drinnen gewesen.
Aber wenn man im Schulalter ist, hat man ja vieles, was wichtiger ist, als Schule. Zumindest wünsche ich allen Kindern, dass sie etwas haben, was wichtiger ist...
Meinem Sohn ist es zum Beispiel wichtiger, draußen zu sein und zu spielen. Ketcar fahren, Sachen bauen, auf Bäume klettern, ... Meine Tochter bastelt lieber, die andere spielt lieber mit ihrem Freund. Und natürlich verlange ich von allen, dass sie erst einmal ihre Hausaufgaben erledigen. Insgeheim bin ich aber froh, dass sie alle etwas haben. Denn Schule ist meiner Meinung nach nicht das Wichtigste.
Natürlich freue auch ich mich über gute Noten. Die Krux an Noten ist, dass man dazu neigt, sie als die absolute und unverrückbare Wahrheit anzusehen. Das ist aber nicht der Fall - und zwar aus mehreren Gründen:
1.) Noten sind nie zu 100% objektiv
Nehmen wir diesen Text: Vielleicht mögen Sie meinen Stil zu schreiben. Vielleicht auch nicht. Mögen Sie ihn nicht, würden Sie diesen Text vielleicht mit einer 4 benoten (immerhin sind wenig Rechtschreibfehler drinnen) - gefällt Ihnen meine Art zu schreiben, wäre es vielleicht eine 1 oder 2.
In Kunst ist es das selbe: Ein Bild kann gefallen oder nicht. Wir haben es in meiner Schulzeit getestet: Zwei verschiedene Schüler haben dem Lehrer das selbe Bild gezeigt und hätten darauf unterschiedliche Noten erhalten.
In Mathe ist die Benotung zugegeben etwas objektiver: aber wie viele Punkte es auf den Rechenweg gibt ist immer noch individuell und differiert tatsächlich auch immer wieder je nach Schüler.
Ich mache hier Lehrern keinen Vorwurf. Sie sind Menschen und wir Menschen funktionieren einfach subjektiv. Das liegt in der Natur der Dinge und ist völlig legitim.
2.) Noten sind eine Momentaufnahme
Haben Sie schon mal mit hämmernden Kopfschmerzen versucht, alles abzurufen, was sie an Wissen in Ihrem Kopf haben? Wie gut können Sie sich an den Einkaufszettel erinnern, wenn Sie sich gerade mit jemandem gestritten haben? Können Sie sich konzentrieren, wenn eine Grippe naht und sie schon die ersten Anzeichen haben? Hatten Sie schon mal Angst vor einem Test und wenn ja: wie gut war das Ergebnis?
Unser Hirn kann nicht immer seine volle Leistung abrufen. Im Gegenteil. Meist ist es mit vielen Prozessen gleichzeitig beschäftigt. Sorgen, Ängste oder schlechte Allgemeinverfassung beeinflussen maßgeblich unsere Leistungsfähigkeit - auch die von Schülern.
Dazu kommt, dass man Stoff nicht immer gleich gut versteht. Manchmal kommt man mit der Erklärweise eines Lehrers einfach nicht klar....
All das führt dazu, dass das, was auf dem Papier steht nicht immer das ist, was der Schüler tatsächlich weiß.
3.) Von allen das Gleiche verlangen ist eben nicht fair
Gerade in Fächern, in denen Talent eine nicht unbedeutende Rolle spielt ist Benotung nach festen Rastern erst Recht schwierig. Waren Sie ein Sportass? Oder ein Musikgenie? Ich zählte eher zu letzteren. Sportlich war ich nie. Zu klein, zu dick, zu langsam, ... Ich wurde aber nach den gleichen Kriterien beurteilt, wie Menschen, die bereits jahrelang im Verein turnten.
Auf der anderen Seite sollten Mitschüler, die kein Instrument spielten genau wie ich an Noten erkennen, um welches Stück es sich handelte - was ungleich schwerer ist, wenn man keine Noten lesen kann...
Diese Karikatur von Traxler erschien bereits im Jahr 1975 - an ihrem Wahrheitsgehalt hat sich nach wie vor nichts geändert.
Mir fehlt in der Benotung ein bisschen das Individuelle. Gerade in Deutsch, in Musik, Kunst oder Sport. Nicht jeder von uns ist ein Autor, Musiker, Künstler oder Sportler. Aber man kann gut sehen, ob jemand sich bemüht hat, die Anforderungen zu erfüllen. Wenn ich sehe, dass ein Schüler im Vergleich zum Probeaufsatz versucht hat, das umzusetzen, was ich ihm gesagt habe - warum kann ich dann keine 2 geben, auch wenn das Schriftstück keinen Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnen wird. Wenn ein Kind mit Begeisterung und Engagement im Sportunterricht dabei ist und nicht nur versucht, möglichst viel Zeit auf der Bank zu verbringen - ist dann wirklich ausschlaggebend, wie hoch es springen kann?
Mein Appell an alle Eltern, die heute einen Waschzettel bekommen, auf dem eher die höheren Zahlen vertreten sind: Erst mal ausatmen. Durchschnaufen. Die Gardinenpredigt stecken lassen - ihr Kind weiß eh, woran es lag. Hilfe anbieten, in den Arm nehmen, gemeinsam Reinhard Mey hören und dran denken: Noten sagen nichts darüber, wie gut Sie als Eltern sind und erst Recht nicht, wie toll ihr Kind ist !

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