Wahrscheinlich kennen die meisten von uns den Spruch andersherum: "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir." Tatsächlich hat es Seneca aber in seinem Brief an einen seiner Schüler wie in der Überschrift formuliert. Er kritisiert damit die zu wenig am praktischen Leben orientierte Ausrichtung der Philosophie und der Philosophenschulen. Tja: some things never change.
Auch wenn unsere Kinder heutzutage keine Philosophenschulen besuchen, so kann man doch - gerade in diesen Tagen - manchmal nur ins Grübeln kommen, ob das alles so wirklich zielführend ist.
Dabei merke ich, dass - mal wieder - zwei Seelen in meiner Brust wohnen.
Auf der einen Seite bin ich absolut dafür, dass unsere Kinder ab und zu noch ihren Kopf anstrengen müssen, dass sie nicht völlig aus dem Lernen kommen und dass eine gewissen Struktur und ein bisschen Ablauf - und wenn es nur eine Stunde Schulübungen täglich sind - ihnen gerade in der momentanen unsicheren Situation gut tut.
Auf der anderen Seite erlebe ich, dass in manchen Fällen derzeit massiver Druck aufgebaut wird und von den Kindern und Eltern gefordert ist, sich über X verschiedene Kanäle Arbeitsaufträge, Aufgaben und Informationen zu holen und diese strukturiert abzuarbeiten. Dabei wird leider oft außer acht gelassen, dass viele Familien damit heillos überfordert sind - und zwar nicht nur mit der Beschaffung und dem Abarbeiten von Aufträgen, sondern auch damit, der Versuchung, die direkt vor ihrer Nase liegende "Freizeit" zu genießen, zu widerstehen. Im normalen Schulalltag ist relativ klar, dass von 8-13 Uhr nichts anderes gespielt wird, als das Bildungsprogramm. Da gibt es quasi nur einen Sender. Jetzt plötzlich gibt es aber noch X andere Möglichkeiten, die ja normalerweise nie zur Debatte stünden. Da kann man mit Freunden über WhatsApp kommunizieren, die Maus kucken, bei AlbaBerlin ein bisschen mitturnen, dann raus und das schöne Wetter genießen, … Habt ihr damals miterlebt, wie das Privatfernsehen normal zugänglich wurde? So ungefähr fühlt sich das jetzt an... Es gibt plötzlich lauter Alternativen, die per se nicht unbedingt schlechter sind als den Mathe-Arbeitsauftrag aus dem Netz zu suchen. Insgesamt führt es leider in vielen Fällen dazu, dass das Thema "Schule" noch mehr zum Reiz- und Streitthema wird, als normal (und glaubt mir: Das Thema ist schon unter normalen Umständen eines der größten Krisenherde in Familien).
Was ich dabei jetzt noch gar nicht erwähnt habe, was aber sehr, sehr wichtig ist: Wir Erwachsenen nehmen uns das Recht, verunsichert zu sein, Angst zu haben, nicht weiter zu wissen... Unseren Kindern geht es genauso. Sie können die Situation noch viel weniger einschätzen, als wir. Sie spüren zu ihrer eigenen Verunsicherung auch noch unsere. Sie erleben, dass plötzlich Eltern zu Hause sind, weil sie in Kurzarbeit sind, dass finanzielle Sorgen auftauchen, dass alles anders ist. Und gleichzeitig dürfen sie nicht das tun, was sie normalerweise tun würden: Sich mit Freunden treffen, sich draußen frei bewegen oder dem ganzen Stress zu Hause wenigstens am Vormittag durch den Schulbesuch entgehen.
Insgesamt stehen also auch und gerade unsere Kinder vor einer absoluten Ausnahmesituation. Und eines wissen wir: In Ausnahmesituationen kann unser Hirn nicht gut lernen.
Was momentan daraus resultiert sind Familien, die permanent auf einem extrem schmalen Grat balancieren. Die auf der einen Seite dafür sorgen wollen, dass ihre Kinder nicht abhängen und versuchen, allen Anforderungen der Schule gerecht zu werden und auf der anderen Seite ihre Beziehung zu den Kindern aufs Spiel setzen. Familien, die neben dem sowieso schon herausfordernden Alltag nochmal ein Verantwortungspäckchen auf die Schultern nehmen. Und leider oft auch Familien, die an und über ihre Grenzen kommen.
Denn sind wir ehrlich: Es hat einen guten Grund, dass nicht jeder von uns Lehrer ist. Und den eigenen Kindern was beizubringen ist nochmal eine Nummer schwerer, als es bei anderen Kindern ist.
Meine Bitte an Euch ist:
Verliert Eure Kinder nicht aus dem Blick. Lasst sie nicht ganz aus der Nummer raus, verlangt ein bisschen was von Ihnen aber überfordert sie nicht. Lasst es irgendwann auch gut sein - selbst wenn nicht alles erledigt ist. Macht dafür irgendetwas gemeinsam. Manchmal ist ein gemeinsamer Spaziergang mit einem guten Gespräch besser und wichtiger als das 3. HSU-Blatt. Manchmal sind Beobachtungen in der Natur und die Erfahrung, wie gut ein gemeinsam gebackener Kuchen schmeckt lehrreicher und nachhaltiger, als alles, was zwischen zwei Lehrbuchdeckel passt. Gönnt Euch ein bisschen Spaß gemeinsam.
Die Krise wird vorbei gehen und Kinder, die auf einer guten Beziehung stehen, werden ohne große Probleme den Anschluss wieder finden. Deshalb: was auch immer passiert: lasst nichts aber auch gar nichts an dieser guten Basis knabbern.
Passt auf Euch auf.
Auch wenn unsere Kinder heutzutage keine Philosophenschulen besuchen, so kann man doch - gerade in diesen Tagen - manchmal nur ins Grübeln kommen, ob das alles so wirklich zielführend ist.
Dabei merke ich, dass - mal wieder - zwei Seelen in meiner Brust wohnen.
Auf der einen Seite bin ich absolut dafür, dass unsere Kinder ab und zu noch ihren Kopf anstrengen müssen, dass sie nicht völlig aus dem Lernen kommen und dass eine gewissen Struktur und ein bisschen Ablauf - und wenn es nur eine Stunde Schulübungen täglich sind - ihnen gerade in der momentanen unsicheren Situation gut tut.
Auf der anderen Seite erlebe ich, dass in manchen Fällen derzeit massiver Druck aufgebaut wird und von den Kindern und Eltern gefordert ist, sich über X verschiedene Kanäle Arbeitsaufträge, Aufgaben und Informationen zu holen und diese strukturiert abzuarbeiten. Dabei wird leider oft außer acht gelassen, dass viele Familien damit heillos überfordert sind - und zwar nicht nur mit der Beschaffung und dem Abarbeiten von Aufträgen, sondern auch damit, der Versuchung, die direkt vor ihrer Nase liegende "Freizeit" zu genießen, zu widerstehen. Im normalen Schulalltag ist relativ klar, dass von 8-13 Uhr nichts anderes gespielt wird, als das Bildungsprogramm. Da gibt es quasi nur einen Sender. Jetzt plötzlich gibt es aber noch X andere Möglichkeiten, die ja normalerweise nie zur Debatte stünden. Da kann man mit Freunden über WhatsApp kommunizieren, die Maus kucken, bei AlbaBerlin ein bisschen mitturnen, dann raus und das schöne Wetter genießen, … Habt ihr damals miterlebt, wie das Privatfernsehen normal zugänglich wurde? So ungefähr fühlt sich das jetzt an... Es gibt plötzlich lauter Alternativen, die per se nicht unbedingt schlechter sind als den Mathe-Arbeitsauftrag aus dem Netz zu suchen. Insgesamt führt es leider in vielen Fällen dazu, dass das Thema "Schule" noch mehr zum Reiz- und Streitthema wird, als normal (und glaubt mir: Das Thema ist schon unter normalen Umständen eines der größten Krisenherde in Familien).
Was ich dabei jetzt noch gar nicht erwähnt habe, was aber sehr, sehr wichtig ist: Wir Erwachsenen nehmen uns das Recht, verunsichert zu sein, Angst zu haben, nicht weiter zu wissen... Unseren Kindern geht es genauso. Sie können die Situation noch viel weniger einschätzen, als wir. Sie spüren zu ihrer eigenen Verunsicherung auch noch unsere. Sie erleben, dass plötzlich Eltern zu Hause sind, weil sie in Kurzarbeit sind, dass finanzielle Sorgen auftauchen, dass alles anders ist. Und gleichzeitig dürfen sie nicht das tun, was sie normalerweise tun würden: Sich mit Freunden treffen, sich draußen frei bewegen oder dem ganzen Stress zu Hause wenigstens am Vormittag durch den Schulbesuch entgehen.
Insgesamt stehen also auch und gerade unsere Kinder vor einer absoluten Ausnahmesituation. Und eines wissen wir: In Ausnahmesituationen kann unser Hirn nicht gut lernen.
Was momentan daraus resultiert sind Familien, die permanent auf einem extrem schmalen Grat balancieren. Die auf der einen Seite dafür sorgen wollen, dass ihre Kinder nicht abhängen und versuchen, allen Anforderungen der Schule gerecht zu werden und auf der anderen Seite ihre Beziehung zu den Kindern aufs Spiel setzen. Familien, die neben dem sowieso schon herausfordernden Alltag nochmal ein Verantwortungspäckchen auf die Schultern nehmen. Und leider oft auch Familien, die an und über ihre Grenzen kommen.
Denn sind wir ehrlich: Es hat einen guten Grund, dass nicht jeder von uns Lehrer ist. Und den eigenen Kindern was beizubringen ist nochmal eine Nummer schwerer, als es bei anderen Kindern ist.
Meine Bitte an Euch ist:
Verliert Eure Kinder nicht aus dem Blick. Lasst sie nicht ganz aus der Nummer raus, verlangt ein bisschen was von Ihnen aber überfordert sie nicht. Lasst es irgendwann auch gut sein - selbst wenn nicht alles erledigt ist. Macht dafür irgendetwas gemeinsam. Manchmal ist ein gemeinsamer Spaziergang mit einem guten Gespräch besser und wichtiger als das 3. HSU-Blatt. Manchmal sind Beobachtungen in der Natur und die Erfahrung, wie gut ein gemeinsam gebackener Kuchen schmeckt lehrreicher und nachhaltiger, als alles, was zwischen zwei Lehrbuchdeckel passt. Gönnt Euch ein bisschen Spaß gemeinsam.
Die Krise wird vorbei gehen und Kinder, die auf einer guten Beziehung stehen, werden ohne große Probleme den Anschluss wieder finden. Deshalb: was auch immer passiert: lasst nichts aber auch gar nichts an dieser guten Basis knabbern.
Passt auf Euch auf.
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