Direkt zum Hauptbereich

Übung macht den Meister

Ich sitze schon seit Tagen auf meinen Händen, um nichts zum überall vorherrschenden Thema "Corona" zu schreiben. Aber ganz ehrlich: Ich halte es nicht mehr aus....

Momentan erlebe ich eine riesige Ambivalenz in der Gesellschaft. Die meisten sind hin- und hergerissen zwischen einer "das ist doch gar nicht so schlimm" - Bagatellisierung und der Erwartung des Armageddon. Irgendwo dazwischen wird die Realitität liegen - wo genau ist wahrscheinlich jetzt noch nicht absehbar.

Ich persönlich finde es ganz gut, dass wir gerade quasi den Ernstfall proben. Wie der jährliche Feueralarm in der Schule. Wir testen, ob das, was wir uns als Kriseninterventionsplan ausgedacht haben auch tatsächlich funktioniert. Und zum Glück testen wir es mit etwas, dass uns wahrscheinlich alle nicht sofort töten wird. Denn geben wir es ehrlich zu: Es hakt... Wir müssen quasi beim Probealarm feststellen, dass jemand den Notausgang zugesperrt hat und keiner weiß, wer den Schlüssel hat.

Ich bin kein Virologe, ich kenne mich mit epidemischem Verhalten nicht aus. Auch Statistik war nicht mein Studienfach. Insofern maße ich mir nicht an, Entscheidungen hinsichtlich ihrer Sinnhaftigkeit zu bewerten.
Was allerdings mein Fachgebiet ist, ist Kommunikation. Und diesbezüglich war vieles nicht glücklich.
Meiner Meinung nach kommt ein Großteil der Verunsicherung daher, dass das Gefühl entsteht, dass nicht koordiniert und konsequent sondern eher beliebig Entscheidungen getroffen werden.
Da schließt ein Bundesland die Schulen, das nächste macht noch einen Tag auf, das dritte schließt erst Mal gar nicht. Die einen öffnen am 5.4. wieder, die anderen am 20.4. - insgesamt fehlt eine Linie. Manch einer erweckt den Eindruck, sich durch seine Entscheidungen zu profilieren, andere geben sich maßvoller - im Ganzen bleibt das Gefühl von Planlosigkeit und Nachtarocken.
Auch dass lange Zeit von dem Stop der Ausbreitung gesprochen wurde trug nicht unbedingt zur Vertrauensbildung bei. Denn man musste nie Mediziner sein um zu verstehen, dass ein Stopp mit diesen Mitteln und zu dieser Zeit nicht im Bereich des Möglichen lag.
Die Medien tragen ihren Teil zur Stimmung bei. Überall gibt es Live-Ticker und Sondermeldungen. Es scheint kein anderes Thema mehr zu geben. Statt zu de-eskalieren, auf die wirklich fundierten Seiten (beispielsweise des RKI) zu verweisen, wird jeder neue Todesfall (der an sich tragisch und traurig ist - bitte nicht falsch verstehen) ins Bewusstsein aller gerückt. Was dabei entsteht ist die Idee von Gefahr und aus der Idee von Gefahr entsteht Angst und aus Angst entsteht unkontrolliertes und unbedachtes Handeln. So kommt es dann zu Panikkäufen von scheinbar notwendigen Dingen. Sind wir ganz ehrlich: Selbst wenn wir zu fünft für 2 Wochen in Quarantäne müssten, bräuchten wir kaum mehr als eine Packung Klopapier. Vorratshaltung von mehr als 2 Packungen macht daher wenig Sinn. Auch die Tatsache, eine Woche keine Nudeln kaufen zu können wird uns nicht umbringen - essen wir eben etwas anderes. Auch Nudeln zu horten macht daher keinen Sinn - die Sinnhaftigkeit wird aber ja in diesem Moment der Angst nicht mehr kontrolliert. Die massenweise verbreiteten Bilder von leeren Regalen verschlimmern diese Angst noch zusätzlich - und schon sind wir in einer dramatischen Abwärtsspirale.

Neben denen, die sich latent von der Panik anstecken lassen gibt es noch die, die sich unverwundbar fühlen. Die "wir sind keine Risikogruppe, wir müssen uns nicht einschränken"-Menschen.
Ich wünsche jedem von ihnen, dass er/sie sich nicht verschätzt und die Ausnahme zur Regel wird. Tatsache ist: Jetzt zeigt sich, wie solidarisch unsere Gesellschaft ist. Auch ich gehe davon aus, keiner Risikogruppe anzugehören - aber mein Vater, meine Mutter, meine Schwiegermutter, mein Schwager... gehören einer an. Und auf die muss ich genauso aufpassen. Das heißt für mich, dass ich versuche, so wenig Kontakt wie möglich zu ihnen zu haben. Nicht, weil ich sie nicht mag, sondern  im Gegenteil: weil ich sie noch lange haben will und sie daher nicht der Gefahr aussetzen will, dass ich unbewusst auf sie übertrage. (Der positive Nebeneffekt ist, dass ich jetzt auch den Kontakt zu allen einschränken kann, die ich nicht mag und keiner kann mir einen Strick draus drehen... Selten ein Schaden ohne Nutzen.) Es heißt für mich, dass ich mehr als sonst auf Handhygiene bei mir und meiner Familie achte. Es heißt für mich, dass ich ohne zu Murren die Trainings-Absagen in den Vereinen meiner Kinder hinnehme und meinen Kindern gegenüber auch als richtig vertrete. Es heißt für mich, dass ich die für jetzt geplanten Impfungen auf unbestimmte Zeit verschiebe, weil unsere Hausarztpraxis derzeit sicherlich genug ausgelastet ist und daher aufschiebbare Dinge nicht JETZT stattfinden müssen. Es heißt auch, dass ich mit meinen Kindern gemeinsam den Schulstoff durcharbeiten werde, den sie aufgrund der Schließung zu Hause erarbeiten sollen. Weil das alles das ist, was halt jetzt ansteht und wo es nicht darum geht, ob COVID-19 jetzt wirklich so gefährlich ist, dass es diese Maßnahmen rechtfertigt oder nicht. Denn Auflehnung ist sicher manchmal angebracht - aber man sollte immer noch gut abwägen, wo es Widerstand braucht und wo nicht. Für mich ist in diesem Fall keiner notwendig.

Insgesamt hoffe ich, dass wir alle aus dieser Situation lernen.
Die Politik, dass klare, nachvollziehbare und konsequent getroffene Entscheidungen besser sind als Rumgeeiere und das Verschieben von Verantwortungen. Es ist gut und schön, dass Länder eigene Entscheidungsbefugnis haben - in einem solchen Fall wäre ein bundesweit einheitliches Vorgehen sicher eher dazu angetan, den Menschen Sicherheit und Zutrauen zu vermitteln. Vielleicht schaffen es die Menschen in der Führungsverantwortung unsere Landes ja für die Zukunft, tragfähigere Krisenkonzepte zu erarbeiten.
Die Kommunen, dass es Notfallpläne gerade im Bereich der Kinderbetreuung braucht, die klar, verlässlich und durchführbar sind.
Die Schulen, dass im medialen Zeitalter Alternativen zu Präsenzunterricht keine Notlösungen sein dürfen, sondern als Plan B jederzeit unaufgeregt abrufbar sein sollten.
Jeder einzelne, dass 20 Sekunden richtiges Händewaschen besser sind als das Hamstern von Desinfektionsmittel und dass Solidargemeinschaft nicht nur heißt, dass ich in eine Hängematte fallen kann, sondern auch, dass jeder einzelne von uns Verantwortung für die anderen hat.

In diesem Sinne: passt auf Euch und alle anderen auf.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ich mir zu Weihnachten schenke

Weihnachten steht vor der Tür und gefühlt dreht die ganze Welt gerade am Rad.  Besonders in scheint gerade zu sein, sich selbst über alles zu stellen. Das geschieht im Großen der Weltpolitik, wo es anscheinend nur noch Despoten und größenwahnsinnige Egomanen gibt, das passiert aber auch im Kleinen, in Partnerschaften, Familien und anderen sozialen Gefügen, wo man sich das Recht nimmt, über die Grenzen der anderen hinweg seine eigenen Wünsche oder Ansichten durchzudrücken oder seine Wahrnehmung als die unverbrüchliche Wahrheit anzunehmen. Auch in meinem näheren Umfeld hat das im letzten Jahr stark zugenommen. Beruflich und privat.  Ich schenke mir jetzt selbst zu Weihnachten das Recht, da auszusteigen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich immer ein offenes Ohr habe, dass man zu mir immer kommen kann, dass ich helfe, wenn ich kann. Das werde ich auch weiterhin tun. Was ich jedoch nicht mehr tun werde, ist, zuzulassen, dass ich für die Befindlichkeiten von anderen die Verantwortung...

alte Saiten

Kennt ihr das, dass manche Dinge es schaffen, ohne irgendwelche Umwege alte Saiten anzuschlagen? Da gibt es keine Gedankenbremse, sondern es geht direkt in die Gefühlsabteilung. Dort werden dann alte, verschlossen gemeinte Kisten aufgestoßen und plötzlich fühlt man das selbe, was man schon hunderte Male vorher gefühlt hat. Es werden alte Saiten angerissen, die zwar meist nicht gut, aber nichtsdestotrotz lange klingen.  Diese Saiten wurden in den allermeisten Fällen schon in unserer Kindheit aufgezogen. Es sind die inneren Sätze, mit denen wir aufgewachsen sind, die wir so internalisiert haben, dass sie uns in den allermeisten Fällen gar nicht bewusst sind - die uns aber ständig unterbewusst begleiten. Leider Gottes sind es in sehr, sehr vielen Fällen negative Sätze. "Du bist nicht gut genug" oder "Du musst Dich mehr anstrengen" oder "mach schneller" oder "so geht das nicht" sind häufige innere Glaubenssätze. "Du bist zu ..." ist auch ge...

ohne jeglichen und schon gar nicht mit freundlichem Gruß

 Als ich ein Kind war, hat mein Vater manchmal Briefe an Stellen, über die er sich geärgert hatte, statt mit dem üblichen " Sehr geehrter Herr ...", "mit freundlichen Grüßen" mit leicht abgewandelten Grußformeln begonnen und beendet. Am Anfang wurde das "Sehr geehrter" gekürzt, bei extremem Ärger auch alle Titel.  Statt "Sehr geehrter Herr Dr. Müller" stand dann da nur noch "Herr Müller". Und beendet wurden derartige Briefe dann zum Beispiel mit: "mit höflichem Gruß" (sehr milder Ärger) oder "mit weniger freundlichen Grüßen" (schon ein bisschen angespannter) oder auch "ganz ohne Gruß" (ziemlicher Ärger). Damals fand ich das furchtbar albern und peinlich. Heute kann ich das so gut verstehen... (Mein Sohn würde sagen: "I feel you...") Ich würde momentan auch gerne einige Briefe schreiben - ganz ohne Titel und mit "ohne jeglichen und schon gar nicht mit freundlichem Gruß". Das würde wahrsch...