Langsam aber sicher komme ich mit der Corona-Geschichte wirklich an meine Grenzen.
Was mich dabei am wahnsinnigsten macht (oder am meisten wahnsinnig macht? - egal...) ist, dass es nur noch die eine reine Wahrheit gibt. Und die hat jeder für sich gepachtet.
Ein offenes Denken, ein offenes Äußern von Gedanken und Meinungen, ein auch-mal-in-andere-Richtungen-Denken und -Reden - nicht erlaubt, ohne dass man sofort massive Anfeindungen vom "anderen Lager" erhält.
Dabei ist doch das gerade ein Grundrecht, das nicht offiziell eingeschränkt ist - das schränken wir kleinen Bürger selber ein.
Ganz ehrlich: Mich erschreckt das - und es kotzt mich an.
Ich sage es hier noch einmal: Ich bin kein Virologe, ich finde jeden Todesfall für die betroffenen Angehörigen furchtbar, ich finde, die Pflege gehört besser bezahlt und ich verstehe nach wie vor nicht, warum ein Gesundheitswesen Profite abwerfen muss. Das vorweg.
Ich bin in der glücklichen Lage, niemanden zu kennen, der an Covid-19 erkrankt ist. Ich habe das Glück, nicht im Krankenhaus, auf einer Intensivstation oder im Pflegebereich zu arbeiten und deshalb habe ich auch beruflich keine direkten Berührungspunkte zu Covid-19.
Ich habe aber sowohl privat als auch beruflich Berührungspunkte mit den "Nebenkosten" der aktuellen Lage.
Ich habe selbst Kinder, die mittlerweile sehr darunter leiden, ihre Freunde nicht treffen zu können - auch wenn sie hier ein Paradies haben im Vergleich zu Hochhauskindern in der Stadt. Sie leiden unter der Unsicherheit, nicht zu wissen, wann sie wieder zu irgendeiner Art von Normalität zurück können. Sie vermissen die Schule (sogar mein Sohn - und das will was heißen), sie vermissen ihre Freunde, ihnen fehlen ihre Vereine, sie vermissen auch und ganz besonders die Omas und den Opa, sie haben gleichzeitig auch Angst, dass irgendwer in unserem näheren Umfeld der Krankheit zum Opfer fallen könnte, weil sie (wie wir alle) das wirkliche Risiko überhaupt nicht einschätzen können und für sich selbst kein vergleichbares Szenario zum Abgleich haben.
Ich habe Mitarbeiter, die sich Sorgen machen, in Kurzarbeit zu rutschen, weil wir zwar momentan "systemrelevant" sind und den Kinderschutz in den Familien aufrecht erhalten. Wir in der aufsuchenden Erziehungshilfe arbeiten weiterhin, um in den von uns betreuten Familien die "Kollateralschäden" so gering wie möglich zu halten, um die schulische Förderung zu unterstützen, um Konflikte so früh wie möglich zu lösen, um Gewalt zu vermeiden usw. Wir arbeiten im Rahmen dessen, was derzeit möglich ist - immer in der Grauzone zwischen Verantwortungsgefühl gegenüber unseren Klientenfamilien und dem Selbstschutz - denn nicht immer ist 1,50m Abstand oder Arbeit im Freien möglich. Und obwohl wir alles tun, was wir können, können wir momentan nicht in allen Familien unsere normale Stundenzahl leisten. Wir rechnen normalerweise aber nicht pauschal mit den Jugendämtern ab, sondern nach geleisteten Stunden. Bislang gibt es eine großzügige Lösung unseres Arbeitgebers, es gibt Verhandlungen mit dem Ziel, die Kurzarbeit abzuwenden... - nichtsdestotrotz ist aber derzeit keine Lösung vereinbart. Über uns hängt also das Damoklesschwert der Kurzarbeit. Und ehrlich: Nicht jeder kann sich leisten, für eine gewissen Zeit 40% weniger zu verdienen. Und trotz dieser Unsicherheit arbeiten alle meine Kollegen mit hohem Engagement und viel Kreativität, um weiterhin zu helfen.
Ich habe Eltern, die ihre sozialen Kontakte (die eh nicht wahnsinnig viel waren) so weit wie möglich beschränkt haben, aber ihre Enkel einfach gerne in die Arme schließen würden und wieder "am Leben teilhaben" möchten - am Familienleben wohlgemerkt. Die wollen nicht auf ein 10000 Menschen-Konzert, die wollen nicht in ein Fußballstadion - die wollen ihren Enkeln beim Trampolinhüpfen zusehen und mit uns auf der Terrasse grillen.
Ich habe Freunde, die aufgrund der Ausgangsbeschränkungen, der Schließungen von Geschäften, der Absage von Veranstaltungen usw. in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet sind. Die Musiker, Gastronomen, Schausteller, Einzelhändler oder Kunstschaffende sind und oftmals aus dem Rahmen für die staatlichen Hilfen fallen und somit ohne irgendetwas Umsatzeinbußen von einem halben Jahr oder auch einem Jahr in Kauf nehmen müssen. Das können sich auch nur wenige leisten.
Ich erlebe also eher die Nebenschauplätze der Pandemie. Zum Glück. Unabhängig davon, beeinflusst einen natürlich immer seine persönliche Erfahrung. Das ist völlig klar - schließlich ist das MEINE Realität.
Zu normalen Zeiten könnte ich jetzt MEINE Realität mit der von anderen abgleichen, man würde über Ansichten diskutieren, wäre manchmal mehr, manchmal weniger einer Meinung - aber insgesamt wäre ein Diskurs über verschiedene Möglichkeiten und verschiedene Ansichten mit den allermeisten Menschen möglich.
Momentan nicht. Denn sobald man momentan auch nur ansatzweise an der kompletten Richtigkeit der Maßnahmen zweifelt oder die "Nebenkosten" anführt, schlägt einem eine Empörungswelle entgegen, die einen förmlich überspült. Dabei geht es mir weder um irgendwelche Verschwörungstheorien noch um den Aufruf zur Meuterei. Ich gebe ganz offen zu, dass ich auch keine andere Idee habe, was sinnvoll wäre. Ich stelle nur trotzdem die Frage, ob das, was wir tun wirklich gerechtfertigt ist. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wird es eine Antwort darauf auch erst in einigen Jahren - oder vielleicht sogar nie geben. Aber diese Frage drückt eben meine momentane Ambivalenz aus. Und ich glaube, dass viele Menschen Hin- und Hergerissen sind. Das im Keim ersticken zu wollen macht die Situation nicht besser."Wer das jetzt immer noch mit einer Grippe vergleicht..." - jeder kennt diese Sätze. Natürlich vergleicht man es mit einer Grippe. Weil das eben auch Teil unserer bekannten Realität ist. Weil es dafür Erfahrungswerte gibt. So tickt der Mensch halt nun mal. Statt das im Ansatz zu verbieten, wäre es sinnvoller, ordentliche Gegenargumente zu finden:"Ja, es stimmt, momentan haben wir weniger Todesfälle als in einem schlimmen Grippejahr - aber wir haben extrem viele Fälle in kurzer Zeit, die lange intensivmedizinische Betreuung benötigen. Länger, als in der Regel mit einer Influenza..." Ich wurde darauf hingewiesen, dass ich damit das Narrativ, die Influenza wäre schlimmer/Covid-19 wäre ungefährlich bedienen würde. Das ist nicht meine Absicht. Meine Absicht ist, das GESPRÄCH darüber auf zu machen. Denn nicht nur ich, sondern wahrscheinlich der Großteil der medizinischen Laien kann nur auf Zahlen zugreifen, die an sich so nur bedingt aussagefähig und vergleichbar sind.
Ich persönlich möchte niemanden anstecken, ich möchte, dass die Situation möglichst lange für möglichst alle handhabbar bleibt. Deshalb gehe ich mit Maske zum Einkaufen, halte so weit es irgendwie geht, Abstand, halte meine Kinder von Freunden, Großeltern oder überhaupt anderen Menschen fern, versuche, sie in ihrem Home-Schooling zu unterstützen, während ich gleichzeitig weiter in die Arbeit gehe usw.
Gleichzeitig möchte ich aber auch weiterhin das Recht haben, diese widersprüchlichen Anteile in mir zum Ausdruck zu bringen und äußern zu dürfen ohne gleich in eine Ecke gestellt zu werden.
In Ecken fühle ich mich nämlich nicht wohl. Ich möchte mich austauschen, diskutieren, andere Ansätze durchdenken usw. Ich möchte mich fragen dürfen, warum Griechenland so wenig Fälle hat, ob die chinesischen Fallzahlen stimmen, ob eine breitflächige Testung sinnvoll wäre oder nicht, ob eine breite Antikörpertestung wohl etwas ändern würde, mir überlegen, ob ich mit einer "Überwachungs"-Handy-App einverstanden wäre .... und das auch mit anderen diskutieren - immer in dem Wissen, dass es MEINE Meinung ist, die nicht ausschlaggebend und nicht weltverändernd ist. Außer, für meine kleine Welt. Das reicht mir aber schon.
In diesem Sinne: Lasst den anderen ihre Realität, lasst sie überlegen, geht in einen Diskurs und stellt keinen in eine Ecke, nur weil er anders denkt, als ihr. Denn wenn wir ehrlich sind, weiß momentan wahrscheinlich keiner, was wirklich richtig ist, sondern es wird versucht, einen möglichst für alle Seiten tragbaren Weg zu finden. Das beinhaltet aber immer auch die Möglichkeit, dass einzelne Schritte falsch oder nicht optimal sein könnten...
Was mich dabei am wahnsinnigsten macht (oder am meisten wahnsinnig macht? - egal...) ist, dass es nur noch die eine reine Wahrheit gibt. Und die hat jeder für sich gepachtet.
Ein offenes Denken, ein offenes Äußern von Gedanken und Meinungen, ein auch-mal-in-andere-Richtungen-Denken und -Reden - nicht erlaubt, ohne dass man sofort massive Anfeindungen vom "anderen Lager" erhält.
Dabei ist doch das gerade ein Grundrecht, das nicht offiziell eingeschränkt ist - das schränken wir kleinen Bürger selber ein.
Ganz ehrlich: Mich erschreckt das - und es kotzt mich an.
Ich sage es hier noch einmal: Ich bin kein Virologe, ich finde jeden Todesfall für die betroffenen Angehörigen furchtbar, ich finde, die Pflege gehört besser bezahlt und ich verstehe nach wie vor nicht, warum ein Gesundheitswesen Profite abwerfen muss. Das vorweg.
Ich bin in der glücklichen Lage, niemanden zu kennen, der an Covid-19 erkrankt ist. Ich habe das Glück, nicht im Krankenhaus, auf einer Intensivstation oder im Pflegebereich zu arbeiten und deshalb habe ich auch beruflich keine direkten Berührungspunkte zu Covid-19.
Ich habe aber sowohl privat als auch beruflich Berührungspunkte mit den "Nebenkosten" der aktuellen Lage.
Ich habe selbst Kinder, die mittlerweile sehr darunter leiden, ihre Freunde nicht treffen zu können - auch wenn sie hier ein Paradies haben im Vergleich zu Hochhauskindern in der Stadt. Sie leiden unter der Unsicherheit, nicht zu wissen, wann sie wieder zu irgendeiner Art von Normalität zurück können. Sie vermissen die Schule (sogar mein Sohn - und das will was heißen), sie vermissen ihre Freunde, ihnen fehlen ihre Vereine, sie vermissen auch und ganz besonders die Omas und den Opa, sie haben gleichzeitig auch Angst, dass irgendwer in unserem näheren Umfeld der Krankheit zum Opfer fallen könnte, weil sie (wie wir alle) das wirkliche Risiko überhaupt nicht einschätzen können und für sich selbst kein vergleichbares Szenario zum Abgleich haben.
Ich habe Mitarbeiter, die sich Sorgen machen, in Kurzarbeit zu rutschen, weil wir zwar momentan "systemrelevant" sind und den Kinderschutz in den Familien aufrecht erhalten. Wir in der aufsuchenden Erziehungshilfe arbeiten weiterhin, um in den von uns betreuten Familien die "Kollateralschäden" so gering wie möglich zu halten, um die schulische Förderung zu unterstützen, um Konflikte so früh wie möglich zu lösen, um Gewalt zu vermeiden usw. Wir arbeiten im Rahmen dessen, was derzeit möglich ist - immer in der Grauzone zwischen Verantwortungsgefühl gegenüber unseren Klientenfamilien und dem Selbstschutz - denn nicht immer ist 1,50m Abstand oder Arbeit im Freien möglich. Und obwohl wir alles tun, was wir können, können wir momentan nicht in allen Familien unsere normale Stundenzahl leisten. Wir rechnen normalerweise aber nicht pauschal mit den Jugendämtern ab, sondern nach geleisteten Stunden. Bislang gibt es eine großzügige Lösung unseres Arbeitgebers, es gibt Verhandlungen mit dem Ziel, die Kurzarbeit abzuwenden... - nichtsdestotrotz ist aber derzeit keine Lösung vereinbart. Über uns hängt also das Damoklesschwert der Kurzarbeit. Und ehrlich: Nicht jeder kann sich leisten, für eine gewissen Zeit 40% weniger zu verdienen. Und trotz dieser Unsicherheit arbeiten alle meine Kollegen mit hohem Engagement und viel Kreativität, um weiterhin zu helfen.
Ich habe Eltern, die ihre sozialen Kontakte (die eh nicht wahnsinnig viel waren) so weit wie möglich beschränkt haben, aber ihre Enkel einfach gerne in die Arme schließen würden und wieder "am Leben teilhaben" möchten - am Familienleben wohlgemerkt. Die wollen nicht auf ein 10000 Menschen-Konzert, die wollen nicht in ein Fußballstadion - die wollen ihren Enkeln beim Trampolinhüpfen zusehen und mit uns auf der Terrasse grillen.
Ich habe Freunde, die aufgrund der Ausgangsbeschränkungen, der Schließungen von Geschäften, der Absage von Veranstaltungen usw. in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet sind. Die Musiker, Gastronomen, Schausteller, Einzelhändler oder Kunstschaffende sind und oftmals aus dem Rahmen für die staatlichen Hilfen fallen und somit ohne irgendetwas Umsatzeinbußen von einem halben Jahr oder auch einem Jahr in Kauf nehmen müssen. Das können sich auch nur wenige leisten.
Ich erlebe also eher die Nebenschauplätze der Pandemie. Zum Glück. Unabhängig davon, beeinflusst einen natürlich immer seine persönliche Erfahrung. Das ist völlig klar - schließlich ist das MEINE Realität.
Zu normalen Zeiten könnte ich jetzt MEINE Realität mit der von anderen abgleichen, man würde über Ansichten diskutieren, wäre manchmal mehr, manchmal weniger einer Meinung - aber insgesamt wäre ein Diskurs über verschiedene Möglichkeiten und verschiedene Ansichten mit den allermeisten Menschen möglich.
Momentan nicht. Denn sobald man momentan auch nur ansatzweise an der kompletten Richtigkeit der Maßnahmen zweifelt oder die "Nebenkosten" anführt, schlägt einem eine Empörungswelle entgegen, die einen förmlich überspült. Dabei geht es mir weder um irgendwelche Verschwörungstheorien noch um den Aufruf zur Meuterei. Ich gebe ganz offen zu, dass ich auch keine andere Idee habe, was sinnvoll wäre. Ich stelle nur trotzdem die Frage, ob das, was wir tun wirklich gerechtfertigt ist. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wird es eine Antwort darauf auch erst in einigen Jahren - oder vielleicht sogar nie geben. Aber diese Frage drückt eben meine momentane Ambivalenz aus. Und ich glaube, dass viele Menschen Hin- und Hergerissen sind. Das im Keim ersticken zu wollen macht die Situation nicht besser."Wer das jetzt immer noch mit einer Grippe vergleicht..." - jeder kennt diese Sätze. Natürlich vergleicht man es mit einer Grippe. Weil das eben auch Teil unserer bekannten Realität ist. Weil es dafür Erfahrungswerte gibt. So tickt der Mensch halt nun mal. Statt das im Ansatz zu verbieten, wäre es sinnvoller, ordentliche Gegenargumente zu finden:
Ich persönlich möchte niemanden anstecken, ich möchte, dass die Situation möglichst lange für möglichst alle handhabbar bleibt. Deshalb gehe ich mit Maske zum Einkaufen, halte so weit es irgendwie geht, Abstand, halte meine Kinder von Freunden, Großeltern oder überhaupt anderen Menschen fern, versuche, sie in ihrem Home-Schooling zu unterstützen, während ich gleichzeitig weiter in die Arbeit gehe usw.
Gleichzeitig möchte ich aber auch weiterhin das Recht haben, diese widersprüchlichen Anteile in mir zum Ausdruck zu bringen und äußern zu dürfen ohne gleich in eine Ecke gestellt zu werden.
In Ecken fühle ich mich nämlich nicht wohl. Ich möchte mich austauschen, diskutieren, andere Ansätze durchdenken usw. Ich möchte mich fragen dürfen, warum Griechenland so wenig Fälle hat, ob die chinesischen Fallzahlen stimmen, ob eine breitflächige Testung sinnvoll wäre oder nicht, ob eine breite Antikörpertestung wohl etwas ändern würde, mir überlegen, ob ich mit einer "Überwachungs"-Handy-App einverstanden wäre .... und das auch mit anderen diskutieren - immer in dem Wissen, dass es MEINE Meinung ist, die nicht ausschlaggebend und nicht weltverändernd ist. Außer, für meine kleine Welt. Das reicht mir aber schon.
In diesem Sinne: Lasst den anderen ihre Realität, lasst sie überlegen, geht in einen Diskurs und stellt keinen in eine Ecke, nur weil er anders denkt, als ihr. Denn wenn wir ehrlich sind, weiß momentan wahrscheinlich keiner, was wirklich richtig ist, sondern es wird versucht, einen möglichst für alle Seiten tragbaren Weg zu finden. Das beinhaltet aber immer auch die Möglichkeit, dass einzelne Schritte falsch oder nicht optimal sein könnten...
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