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früher ging's doch auch

Dieser Blog ist für mich ja so eine Art Seelen-Waschmaschine. Hier kann ich mir alles von der Seele schreiben (die danach immer noch tiefschwarz ist - aber sich zumindest nicht mehr mit den beschriebenen Fragen rumquält...).

Heute muss ich (mal wieder) meinem Unmut Luft machen.
Mir fällt auf, dass immer, wenn es um die psychische Verfassung (z. B. von Eltern/Familien) geht, das Totschlagargument "die sollen sich nicht so haben, früher ging's doch auch". Diese Antwort begegnet mir zu anderen Themen auch. KiTas zu - früher ging's doch auch. Schulen zu - früher ging's doch auch. Kleine Läden zu - früher ging's doch auch. Keine Erntehelfer - früher ging's doch auch.....
Oder in der anderen Form: Abstand halten - haben wir früher nie gebraucht, Hände waschen - haben wir früher nie gemacht...

Was soll denn das jetzt heißen? Wann war denn das "früher" auf das sich so viele jetzt beziehen?
Dazu müssen wir mal überlegen, warum die Situation gerade für viele schwierig ist (abgesehen von der Angst vor Ansteckung/Erkrankung und von wirtschaftlichen Folgen im Sinne von Kurzarbeit oder gar Geschäftsschließungen).

Ein großer Punkt, der es schwierig macht, ist, dass Familien mit Kindern plötzlich für Zeiten, in denen sie normalerweise Kinderbetreuung und Arbeit mehr oder weniger gut organisiert haben, jetzt alles unter einen Hut bringen müssen - und genau auf diesen Punkt will ich jetzt eingehen.

Glaubt man der Agentur für Arbeit, gingen 2017 71,5% der Frauen und 78,9% der Männer einer Erwärbstätigkeit nach. Das mal vorweg. Die Realtität für einen Großteil der Familien ist also, dass beide Elternteile arbeiten - wahrscheinlich nicht alle in Vollzeit, aber sie arbeiten.
Jetzt die Frage: Wann war das vielbesungene "früher", als noch alles ging?
Vor Corona, also sagen wir mal im Dezember 2019? Nein, da ging es auch nicht. Jeder, der schon mal versucht hat, die Ferienzeiten der Kinder mit den Urlaubszeiten der Eltern unter einen Hut zu bringen, weiß, dass es eben nicht einfach ging. (Für alle ohne Kinder: Schulferien sind in der Regel rund 13 Wochen im Jahr, Eltern haben bei guten Verträgen ca. 6 Wochen Urlaub => 2x6 = ??? => genau... und dann ist noch nicht mal GEMEINSAMER Familienurlaub drinnen - von Alleinerziehenden will ich hier gar nicht sprechen...)
Familien mit zwei arbeitenden Elternteilen (und oben genannte Alleinerziehende) mussten also immer schon entweder staatliche Betreuungsformen (Ferienbetreuung etc.) in Anspruch nehmen oder hatten Großeltern, die Teile davon abdecken oder mussten mit ihren Arbeitgebern dealen. Die meisten Arbeitgeber sind relativ kulant, was eine Überbrückung von gewissen Zeiten durch Überstunden oder auch mal unbezahlten Urlaub angeht. Gerade in den Ferienzeiten rechnet man damit. Jetzt geht es aber nicht um eine kurze Überbrückung, sondern es geht um unbestimmte Zeit. Und Großeltern darf man ja momentan in die Betreuung keinesfalls einrechnen, staatliche Betreuung findet nur noch sehr eingeschränkt statt.
Lebensrealtität im Dezember 2019: ich habe als arbeitendes Elternteil auf dem Schirm, wann meine Kinder betreut sind, ich arbeiten kann und schaffe es, mir eine Betreuung für die restlichen Zeiten zu besorgen. Schulische Unterstützung leiste ich selbstverständlich  - außerhalb meiner Arbeitszeiten.
Lebensrealität im April 2020: ich muss als arbeitendes Elternteil arbeiten und ZEITGLEICH meine Kinder betreuen und ZEITGLEICH Unterstützung in schulischen Fragen leisten.

Ok, vielleicht war "früher" ja früher als Dezember 2019. Gehen wir 10 Jahre zurück:
April 2010. Da lag die Erwerbstätigenquote ein bisschen niedriger als 2017 - aber nicht wahnsinnig viel. Die Lebensrealität war mit der aus 2019 vergleichbar. Lediglich der Krippenausbau und das Angebot an Ganztagsbetreuung für Schulkinder war noch nicht so weit verbreitet. Heißt: Ein Großteil der Kinder ab 3 Jahren waren zumindest vormittags betreut - für die arbeitenden Elternteile (hier meist für die Mütter) hieß das: Suche einen Job von 8-12... Bei der Problematik sind wir noch am selben Punkt wie 2019.

Also noch weiter zurück ins früher. Gehen wir 50 Jahre zurück:
April 1970. Da war ich noch gar nicht auf der Welt, aber gehen wir mal davon aus, dass sich zwischen 1970 und 1983 (als ich zur Schule kam) noch nicht die Welt verändert hatte...
Hier beschränken sich meine Erfahrungen auf die damalige BRD.
In der BRD waren damals rund 50% der Frauen und über 80% der Männer erwerbstätig. (Wer nachschauen will, hier eine Tabelle). Etwa 50% der Frauen waren damals - dem damals vorherrschenden Rollenbild folgend - zuhause. Ok. Scheint schon eher in die Richtung "damals gings auch" zu gehen. Wenn ich mich an meine Kindheit zurückerinnere, war es allerdings so, dass ich nur einen Bruchteil meiner Zeit von meiner Mutter "betreut" wurde. Ich war ein Landkind, ich war draußen, sobald die Hausaufgaben erledigt waren und kam heim, wenn es dunkel wurde... DAS wäre ja heute auch nicht möglich (keine Gruppenbildung usw.) - ich bin mir sicher, dass eine 24 Stunden-Betreuung auch damals schon Probleme aufgeworfen hätte. Nichtsdestotrotz: Zugegeben, es wäre leichter gewesen.

Gehen wir noch weiter zurück: 100, 150, 200, ... Jahre: Ja, da war es normal, dass Kinder zu Hause waren. Da war es auch noch normal, dass mehrere Generationen unter einem Dach gelebt haben, dass man im Schein von Kerzen las, weil noch nicht jedes Haus Elektrizität hatte, da gingen Kinder gar nicht zur Schule, weil sie bereits mit 12 arbeiten mussten, um die Familien mit zu ernähren, ...
Zugegeben, zu dieser Zeit hätte sich keiner Gedanken um Schließungen von Schulen gemacht. Wahrscheinlich wären sie dem Großteil der Bevölkerung nicht mal unbedingt aufgefallen. Trotzdem würde ich gerne davon Abstand nehmen, in diese Zeit zurück zu wollen...

Ihr merkt, worauf ich rauswill, oder? Und das ist nur EIN kleiner Gesichtspunkt. Zu dem Stress kommen noch so Kleinigkeiten wie die technischen Voraussetzungen für homeschooling. (Wir z. B. sind technisch gut ausgestattet, aber wenn 3 Kinder über Videokonferenzen, Onlineunterricht, Internetplatformen etc lernen sollen UND zeitgleich 2 Eltern im Homeoffice arbeiten sollen, werden a) die internetfähigen Geräte und b) die Arbeitsplätze knapp (ganz ehrlich, auf meinem Sofa bekomme ich keine Arbeitsmotivation her). Viele Familien haben nicht unsere Ausstattung, häufig fehlt ein Drucker für die zahllosen Arbeitsblätter usw.) Oder die Tatsache, dass nicht alle ins homeoffice können und Kinder dann z. T. zeitweise gar nicht betreut sind. Das ist je nach Alter der Kinder erst Mal kein Beinbruch, macht aber meist nicht das beste Gefühl bei den Eltern. Oder, dass Kinder seit 5 Wochen ihrem normalen Bewegungsdrang nur noch begrenzt nachkommen können oder zu homeoffice Zeiten von Eltern medial "ruhiggestellt" werden, damit wenigstens ein bisschen Arbeiten möglich ist... All das und noch viel mehr sind Dinge, die momentan für Eltern schwierig sind. Viele Eltern können momentan nicht so Eltern sein, wie sie es eigentlich wollen.
Die Tatsache, dass Familien mit Kindern an Grenzen kommen liegt nicht oder nur zu einem sehr kleinen Teil daran, dass Familien heute ihre Kinder weniger lieben oder schlechter mit ihnen klar kommen als "früher" (wann auch immer das gewesen sein mag) . Es liegt zu einem großen Teil daran, dass die Anforderungen an Familien massiv gestiegen sind. Sie müssen viel mehr Dinge unter einen Hut bekommen - der Hut ist aber nicht gewachsen (ein Tag hat immer noch 24 Stunden). Es mag gut sein, dass das momentan für die GESELLSCHAFT nicht das vorrangige Problemthema ist (für Menschen ohne Kinder z. B. ist das wahrscheinlich total irrelevant) - für viele Familien wird es aber zunehmend zum persönlichen Thema. Ein "früher ging's doch auch" verstärkt dabei nur das Gefühl, das eh schon viele haben, nämlich selbst nicht zu genügen und es nicht gut hinzubekommen. Dabei macht der allergrößte Teil der Familien momentan einen wirklich großartigen Job - bei allem, was vielleicht auch nicht klappt.
In diesem Sinne an alle Eltern: Stellt Euch vor den Spiegel und applaudiert euch auch mal selbst dafür, dass ihr momentan das Ganze stemmt, auch wenn nicht immer alles zu 100% ok ist. Seid ein bisschen nachsichtig mit Euch selbst und sehr nachsichtig mit Euren Kindern und passt weiterhin gut auf Euch auf.

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