Ich bin eine derjenigen, die zwar theoretisch ohne Probleme im Homeoffice arbeiten könnten, bei der aber die Theorie und die Praxis ein bisschen auseinanderfallen.
Warum? Das hat mehrere Gründe:
1.) Natürlich könnte ich die Fallbesprechungen mit meinen Mitarbeiterinnen von zuhause aus machen. Da wir aber zu 5. in einem Haushalt leben fällt es mir durchaus schwer, einen Ort zu finden, an dem das WLAN funktioniert und ich trotzdem den Datenschutz wahren kann. Auf dem Klo vielleicht - wobei: habt Ihr schon mal versucht, mit Kindern ganz alleine und in Ruhe aufs Klo zu gehen, ohne dass jemand nach Euch ruft? Also streichen wir das mit dem Klo. Der Tisch in der Stube ist belegt, da sitzt K2 in der jitsi-Konferenz. Am Küchentisch sitzt K3 und füllt seine Arbeitsblätter aus. Am Bürocomputer sitzt K1 und versucht, die MEBIS-Arbeitsaufträge zu bearbeiten. Am zweiten Bürotisch arbeitet der Mann. In den Kinderzimmern ist das WLAN fast nicht vorhanden (und das ist gut so). De facto gibt es für mich also keinen Ort, an dem ich den Datenschutz sicherstellen kann und in Ruhe arbeiten könnte.
2.) Wir leben auf dem Land. Wir haben erst vor kurzem aufgehört, Brieftauben zu schicken oder Nachrichten per Jodeln von einer Seite des Lechs zur anderen zu befördern. Unser Internet schafft keine 3 Videokonferenzen auf einmal. Geschweige denn 4. Oder 5.
3.) Wenn ich im Büro bin bekomme ich durchschnittlich 2-4 Anrufe pro Vormittag von meinen Kindern, die mehr oder weniger verzweifelt sind, weil sie etwas nicht wissen, nicht verstehen oder das Internet mal wieder nicht funktioniert. Wenn ich zu Hause bin gibt es seltsamerweise alle 10-15 Minuten so einen Vorfall. Anscheinend wirkt sich meine Anwesenheit also schädlich auf die Arbeitsfähigkeit meiner Mitmenschen aus - das will ich ja keinesfalls riskieren.
4.) Ich arbeite in einem Einzelbüro. Wenn ich Fallberatungen mache, kann ich in der Regel ca. 3m Abstand von meinem Gegenüber halten, Maske tragen und regelmäßig lüften. Im Contact-Tracing würden diese Begegnungen wahrscheinlich nicht mal als Kontakt gewertet. Ich kann 4-5 Stunden konzentriert und relativ ungestört arbeiten um dann zu Hause das Chaos weiterzumanagen.
Mein Arbeitstag im Büro sieht folgendermaßen aus:
Ich wecke die Kinder, wir frühstücken, ich sorge dafür, dass alle an ihren Geräten sitzen und materialtechnisch richtig ausgestattet sind, ich fahre ins Büro, arbeite dort meine Dinge ab, kläre die Fragen meiner Kinder (wenn möglich) am Telefon und fahre mittags heim, um zu kochen, übrige Fragen zu klären, dafür zu sorgen, dass K1 endlich alles erledigt, was es schon lange hätte erledigen sollen, docutaine die Hausaufgaben von K3 und frage bei K2 nach, ob alles geklappt hat.
Wenn ich zu Hause arbeite (so wie heute), läuft der Tag folgendermaßen:
Ich wecke die Kinder, wir frühstücken, ich sorge dafür, dass alle an ihren Geräten sitzen und materialtechnisch richtig ausgestattet sind. Ich fahre meinen Rechner hoch, K2 sagt: "Mama, ich hab jetzt Videokonferenz, kannst Du bitte aus dem WLAN gehen" - ich melde mich also wieder ab, diskutiere mit K3 über Kinderrechte und was Rechte überhaupt sind und warum es manche Rechte gibt, die man halt nicht immer hat, K2 ist jetzt fertig mit der Konferenz, ich melde mich wieder an, K1 kommt und sagt, dass es für heute fertig, ist, weil es in Deutsch und Erdkunde wegen Erkrankung der Lehrkraft keine Aufgaben gab und es die von Englisch-Intensivierung schon fertig hat. Ich melde mich wieder ab und übersetze mit dem Kind einen Französischtext, damit es wenigstens irgendwas sinnvolles tut. Ich melde mich wieder an nachdem auch K3 mit der Zoomkonferenz fertig ist und bearbeite einen Bericht, während K3 mir beim 2. Frühstück irgendetwas am Küchentisch erzählt. Ich kann nicht Multitasken - zuhören und etwas anderes lesen ist unmöglich, so dass meine Reaktionen - sehr zum Leidwesen des Kindes - zu "Mmmh" und "ach" verkommen. Nach 10 Minuten fordert es vehement meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich speichere zwischen und unterhalte mich mit dem Kind über die Inhalte der letzten Zoom-Konferenz.
In der Zwischenzeit ist K2 bei Musik angelangt. Es soll ein rhythmisches Sprechstück mit Body-Percussion aufnehmen und an den Lehrer schicken. Eine tolle Übung. Für Menschen, die mit Rhythmusgefühl gesegnet sind. Mein Kind ist mit sehr viel Gefühl gesegnet - der Rhythmus liegt ihm leider nicht im Blut. Ich beginne also mit K2, das Stück über das Frühstück zu sortieren, zu üben und die Bodypercussion dazuzulegen. Ein hartes Stück Arbeit. Meine Oberschenkel und Hände schmerzen vom Klopfen, Klatschen und Handrücken-aneinander-Schlagen aber mit vereinten Kräften haben wir es nach rund einer Stunde geschafft. Ich stelle Nudelwasser auf den Herd, mache meinen Bericht wieder auf, lese ihn fertig, schicke ihn weiter, beantworte eine Mail und fliege beim Senden aus dem Internet, weil mittlerweile alle drei Kinder zwar fertig sind mit ihren Schulsachen, sich aber mit ihren Freunden auf den verschiedensten Kanälen austauschen. Die Fritzbox ist ausgestiegen, findet die Dauerbelastung blöd und weigert sich, eine Verbindung mit dem Internet herzustellen. Ich löse das Problem mit dem alten IT-ler-Trick: Ich stecke sie aus und nach kurzer Zeit wieder an.
Bevor ich mich wieder anmelde, fotografiere ich die Hausaufgaben von K3, wandel sie in pdf um und lade sie in EduPage hoch. Danach sende ich meine Mail, beantworte eine Anfrage von der Zeitung über die Auswirkungen des Medienkonsums auf unsere Kinder und vertage alles andere auf später, weil mittlerweile mein Spaghettiwasser überkocht.
Ich habe also in 5 Stunden zu Hause in etwa das selbe geschafft, wie sonst in einer im Büro. Die restlichen Sachen erledige ich dann nachmittags, während ich die Kinder zum Zimmeraufräumen oder nach draußen geschickt habe.
Ihr seht: Obwohl ich theoretisch locker im Homeoffice arbeiten könnte, macht meine Bürotätigkeit für die Infektionszahlen überhaupt keinen Unterschied (bin ja in der Regel ganz alleine in meinem Büro), mein Arbeitgeber und mein Nervenkostüm danken es mir aber, wenn ich meine Arbeit konzentriert und zügig und vergleichsweise ungestört machen kann. Persönlich halte ich daher überhaupt nichts von der Einführung einer HomeOffice-Pflicht.
Übrigens: Dank des Homeschoolings kann ich mich mittlerweile auf Teams, Zoom, Jitsi, Edupage, Schulcloud, padlet und Mebis bewegen, kann Fotos in .pdf-Dateien umwandeln und weiß den 20stelligen Sicherheitscode meiner Fritzbox schon beinahe auswendig. Sag noch einer, der Lockdown würde uns alle zurückwerfen....
Kommentare
Kommentar veröffentlichen