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schwarz - weiß - bunt?

Weihnachten ist noch nicht lange vorbei, nur das mit dem "Frieden auf Erden" scheint nicht bei allen angekommen zu sein. 
Wie sonst wäre zu erklären, dass Menschen allerorts so leicht bereit sind, sich zu radikalisieren? Dass das Klima - egal wo man hinsieht - rauer und herzloser wird? Dass es fast nur noch um das "ich" und kaum mehr um das "wir" geht? Zumindest habe ich das Gefühl, dass das so ist.

Nehmen wir die "sozialen" Medien (keine Ahnung, was an denen noch sozial ist - aber das ist ja nicht das Thema): Egal, um welches Thema es geht, eine normale Diskussion ist kaum mehr möglich. Wer nicht der eigenen Meinung ist wird abgewertet, als dumm, unfähig oder sozial inkompetent hingestellt. Kaum einer kann mehr stehen lassen, dass es zu verschiedenen Themen verschiedene Ansichten geben kann. Das beginnt bei Dingen wie der Ernährung, der Lebensart oder der Art Urlaub zu machen und nimmt beim Einverständnis mit Regierungsentscheidungen extreme Züge an. Unsere einst so bunte Welt, die seit 1967 sogar mit Farbfernsehen ausgestattet ist, wird wieder schwarz-weiß. 

Jetzt bin ich ja auch leidenschaftlicher Fotograf - ich kann schwarz-weiß durchaus schätzen. Allerdings enthält jedes schwarz-weiß-Bild eben auch Schattierungen. Nur reines schwarz und reines weiß ergibt einen Schattenriss. Das kann sehr schön sein, geht aber auf Kosten der Feinheiten. Die Anordnung und Mischung der schwarzen und weißen Bildpunkte, die machen das schwarz-weiß-Bild interessant. Das Nicht-ganz-Schwarz und Ein-bisschen-nicht-Weiß eben.

Schattierungen lassen aber immer weniger Menschen zu. Meines ist richtig, ich bin auf der guten Seite, alle, die es anders machen sind auf der dunklen Seite der Macht... Beim Autofahren kennen das die meisten von uns: Jeder der schneller fährt ist ein rasender Arsch und jeder, der langsamer fährt ein schleichender Depp. Wer kennt nicht die moralisch hochgezogene Augenbraue eines Veganers, beim Verzehr des eigenen Mordgutes? (Ich entschuldige mich hiermit bei allen nicht-militanten Veganern - von denen ich genau 3 kenne - die deutliche Minderheit zu mir bekannten militanten Veganern (7).) Und wer kennt nicht mindestens einen Thread, in dem jemand zum "Coronaleugner" gestempelt wurde, weil er an einzelnen Maßnahmen Kritik äußert?

Klar, es gibt Coronaleugner. Nach wie vor gibt es Menschen, die behaupten, Corona gäbe es nicht. Das dürften in der Summe relativ wenige sein. Daneben gibt es noch viele andere, die  aus unterschiedlichsten Gründen Kritik an den Bestimmungen der Regierung äußern. Darunter sind viele, die das aus mir uneinsichtigen Gründen tun, die z. B. die Maske als Maulkorb sehen und als Versuch, einem das Wort zu verbieten.
Es sind aber auch sehr viele dabei, deren Kritik oder Widerstand ich sehr gut verstehen kann.  

  • Unternehmer, die über den Rand ihrer finanziellen Ertragens-Kraft geschubst werden 
  • Familien mit Kindern, die nicht mehr wissen, wie sie ihren Alltag so organisieren können, dass Home-Schooling, Arbeit und auch noch ein bisschen Familie darin Platz finden
  • Ärzte und Pflegekräfte, die sich den Arsch aufreißen und beim Nach-Hause-Gehen an der genehmigten Demonstration vorbeilaufen und an deren Entlohnung nach wie vor kein bisschen verändert wurde
  • Lehrer, die nach beinahe einem Jahr Pandemie immer noch keine funktionierenden Alternativen zum Präsenzunterricht an der Hand haben
  • Mitarbeiter in Jugendhilfemaßnahmen, die in den Köpfen der Entscheidenden nicht einmal mitgedacht werden
  • und noch ganz viele andere, die mit Sicherheit einen guten Grund haben, einzelne Maßnahmen der Regierung kritisch zu sehen
Der Großteil davon hält sich trotz der kritischen Einstellung an diese Vorgaben, weil alle möglichst schnell rauswollen aus diesem Mist. Tatsächlich ist es ein vergleichsweise kleiner Teil, der sich nicht daran hält. Nichtsdestotrotz kommt in der Regel der große Kamm zum alle-darüber-Scheren raus. Schließlich habe "ich" ja recht und wer es nicht genau wie ich macht, macht es falsch.

Meine Aufruf für's neue Jahr: Urteilt nicht so schnell über andere. Gesteht ihnen zu, dass sie einen guten Grund für ihr Handeln haben. Fragt nach. Dann könnt ihr ja immer noch versuchen zu überzeugen (wenn Euch etwas wirklich, wirklich wichtig ist). Überzeugung gelingt meistens dann am Besten, wenn man dem anderen das Gefühl gibt, trotz anderer Meinung auf Augenhöhe zu sein und nicht, indem man den anderen abwertet und sich über ihn stellt. Tut ein bisschen was für den Frieden auf Erden, indem ihr in eurem kleinen Kosmos versucht, friedlich zu agieren und nicht zu radikalisieren. Dann wäre (glaube ich) schon viel gewonnen und dann könnten "wir" wieder viel gemeinsam erreichen und vielleicht würde dann die Welt auch wieder ein bisschen bunter.


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