Direkt zum Hauptbereich

meine Meinung

Eigentlich bin ich ja jemand, der unglaublich gerne diskutiert. Es macht mir Spaß, mich spielerisch mit anderen im Wortgefecht zu duellieren. Allerdings verliere ich immer mehr die Freude daran. Nicht, weil ich keine Lust mehr auf Diskussionen habe, sondern weil ich finde, dass zunehmend der Respekt in solchen Wortgefechten fehlt. 
Für mich gehört zu einem guten Diskurs, dass man sich so wertfrei wie möglich begegnet. Ich höre mir die Sichtweise des anderen an, ohne denjenigen von Anfang an zu entwerten. Ich bemühe mich, die andere Perspektive zu verstehen, zu sehen, ob daran für mich etwas überzeugend ist. Dann versuche ich, meine Position überzeugend darzustellen ohne den anderen abzuwerten. Dass jemand anders denkt ist zunächst ja nicht strafbar. 

Ich lasse mich durchaus überzeugen (wenn jemand wirklich gut argumentiert und es schafft, mir Argumente zu liefern, die ich nachvollziehen kann und die mich eben überzeugen). Mich zu überzeugen ist nicht immer leicht. Es kann sogar sehr schwierig sein, wenn ich mir schon lange über etwas Gedanken gemacht habe oder mich durch lange Erfahrung gut mit etwas auskenne. Es ist leichter, wenn ich von etwas keine Ahnung habe. 
Je mehr mir etwas am Herzen liegt, desto mehr werde ich versuchen, den anderen von meiner Sichtweise zu überzeugen. Ich kann aber in der Regel auch gut damit leben, dass jemand anderes und ich nicht einer Meinung sind. Wie Vera Birkenbhl so schön sagt: Ich kann mich auch zweinigen, mich also mit jemandem darauf einigen, dass wir uns nicht auf eine Meinung einigen können. 
Ich kann es auch gut aushalten, dass in Diskussionen schon mal Emotionen hochkochen und es ans Eingemachte geht. Alles kein Thema.

Was ich allerdings hasse wie die Pest ist, wenn jemand mich abwertet, nur weil ich eine andere Sichtweise habe. Und genau das passiert nach meinem Gefühl immer häufiger.
Gerade was Corona angeht scheint jeder eine Meinung zu haben. "Unter einer Meinung wird in der Erkenntnistheorie eine von Wissen und Glauben unterschiedene Form des Fürwahrhaltens verstanden" (wikipedia). Während wahrscheinlich die meisten mit mir übereinstimmen, dass zwischen "Glauben" und "Wissen" ein Unterschied bezüglich der Sicherheit über den Wahrheitsgehalt der jeweiligen Aussage ist, ist die "Meinung" zwischen diesen beiden Polen kaum einheitlich verortbar. Denn jeder geht ja davon, dass seine eigene Meinung praktisch direkt neben dem "Wissen" zu verorten ist - andere sehen sie jedoch vielleicht nicht dort,  sondern eher in der Nähe des "Glaubens". Schön in der Definition finde ich ja das Wort "Führwahrhalten". Genau darum geht es nämlich: ICH halte etwas für wahr. Das heißt nicht, dass es wahr ist. Meinung ist das, was passiert, wenn ich kurzfristig mit etwas konfrontiert werde. Meine erste Reaktion darauf beruht in der Regel auf meinen bisherigen Erfahrungen, auf meiner eigenen Geschichte, meiner Wertehaltung, meinen Informationsquellen usw. Daraus resultiert meine Meinung. MEINE Meinung. Das sollte man sich immer wieder klar machen. Dass Meinung nichts oder nicht sehr viel mit Wahrheit zu tun hat. Dass es sein kann, dass sich diese Meinung sehr nahe am Glauben orientiert... Wenn ich sicher sein will, dass sie nahe bei "Wissen" rangiert, sollte man sich die Mühe machen, sie mit verschiedenen anderen Informationsquellen und anderen Perspektiven und anderen Meinungen abzugleichen. Also den Teller über dessen Rand ich schaue, zu vergrößern. Da das Zeit in Anspruch nimmt und echt in Arbeit ausarten kann, kann man das unmöglich für alle Dinge tun, die einem im Alltag begegnen. Das Schöne ist: Das muss man auch gar nicht. Man muss nämlich gar nicht zu allem eine Meinung haben. Dan kann man vielleicht nicht bei allem mitreden - aber das ist ja auch nicht immer ein Schaden. Man kann sich durchaus auch hinstellen und sagen: "Dazu habe ich keine Meinung" oder "damit habe ich mich noch nicht auseinandergesetzt" oder auch "davon habe ich keine Ahnung". 
Ich würde mir wirklich wünschen, dass das mehr Menschen machen würden, statt sich moralisch über die zu erheben, die eine andere Meinung haben, als sie selbst - auch, wenn das "keine Meinung haben" eine ganze Menge Mut erfordert.
Nur Mut, das tut gar nicht weh!



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ich mir zu Weihnachten schenke

Weihnachten steht vor der Tür und gefühlt dreht die ganze Welt gerade am Rad.  Besonders in scheint gerade zu sein, sich selbst über alles zu stellen. Das geschieht im Großen der Weltpolitik, wo es anscheinend nur noch Despoten und größenwahnsinnige Egomanen gibt, das passiert aber auch im Kleinen, in Partnerschaften, Familien und anderen sozialen Gefügen, wo man sich das Recht nimmt, über die Grenzen der anderen hinweg seine eigenen Wünsche oder Ansichten durchzudrücken oder seine Wahrnehmung als die unverbrüchliche Wahrheit anzunehmen. Auch in meinem näheren Umfeld hat das im letzten Jahr stark zugenommen. Beruflich und privat.  Ich schenke mir jetzt selbst zu Weihnachten das Recht, da auszusteigen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich immer ein offenes Ohr habe, dass man zu mir immer kommen kann, dass ich helfe, wenn ich kann. Das werde ich auch weiterhin tun. Was ich jedoch nicht mehr tun werde, ist, zuzulassen, dass ich für die Befindlichkeiten von anderen die Verantwortung...

alte Saiten

Kennt ihr das, dass manche Dinge es schaffen, ohne irgendwelche Umwege alte Saiten anzuschlagen? Da gibt es keine Gedankenbremse, sondern es geht direkt in die Gefühlsabteilung. Dort werden dann alte, verschlossen gemeinte Kisten aufgestoßen und plötzlich fühlt man das selbe, was man schon hunderte Male vorher gefühlt hat. Es werden alte Saiten angerissen, die zwar meist nicht gut, aber nichtsdestotrotz lange klingen.  Diese Saiten wurden in den allermeisten Fällen schon in unserer Kindheit aufgezogen. Es sind die inneren Sätze, mit denen wir aufgewachsen sind, die wir so internalisiert haben, dass sie uns in den allermeisten Fällen gar nicht bewusst sind - die uns aber ständig unterbewusst begleiten. Leider Gottes sind es in sehr, sehr vielen Fällen negative Sätze. "Du bist nicht gut genug" oder "Du musst Dich mehr anstrengen" oder "mach schneller" oder "so geht das nicht" sind häufige innere Glaubenssätze. "Du bist zu ..." ist auch ge...

ohne jeglichen und schon gar nicht mit freundlichem Gruß

 Als ich ein Kind war, hat mein Vater manchmal Briefe an Stellen, über die er sich geärgert hatte, statt mit dem üblichen " Sehr geehrter Herr ...", "mit freundlichen Grüßen" mit leicht abgewandelten Grußformeln begonnen und beendet. Am Anfang wurde das "Sehr geehrter" gekürzt, bei extremem Ärger auch alle Titel.  Statt "Sehr geehrter Herr Dr. Müller" stand dann da nur noch "Herr Müller". Und beendet wurden derartige Briefe dann zum Beispiel mit: "mit höflichem Gruß" (sehr milder Ärger) oder "mit weniger freundlichen Grüßen" (schon ein bisschen angespannter) oder auch "ganz ohne Gruß" (ziemlicher Ärger). Damals fand ich das furchtbar albern und peinlich. Heute kann ich das so gut verstehen... (Mein Sohn würde sagen: "I feel you...") Ich würde momentan auch gerne einige Briefe schreiben - ganz ohne Titel und mit "ohne jeglichen und schon gar nicht mit freundlichem Gruß". Das würde wahrsch...