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Be- oder Ab- urteilen?

Mich begleitet mein Leben lang schon die Tatsache, dass ich ganz schlecht damit klar komme, wenn andere über mich urteilen und aufgrund ihres Urteils über mich entscheiden. 
Dass das passiert ist normal. Schließlich (be)urteilen wir im normalen Alltag ständig. Das ist angeboren und äußerst hilfreich. Jeder von uns muss täglich ganz viele Entscheidungen treffen, die schnell und meist aufgrund eines unbewussten Urteilsprozesses gefällt werden.
Es gibt aber auch Entscheidungen, die bewusst und nach reiflicher Überlegung getroffen werden (oder zumindest getroffen werden sollten) - und die haben Potential für große Verletzungen. 

Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich habe das Gefühl, dass solche Situationen besonders häufig im Arbeitskontext zwischen Führungskräften und deren Mitarbeitern auftreten. Wahrscheinlich, weil es hier besonders oft um derartige Be- und leider häufig auch Ab-wertungen geht. Da sind Menschen, die rein von der Hierarchie her befugt sind, mich zu beurteilen. Wenn man nicht Seite an Seite arbeitet, erleben diese Menschen aber ja immer nur einen minimalen Ausschnitt meiner selbst - und je nachdem, was sie für Erfahrungen, Werte und Ansichten haben, werden sie manches mehr oder weniger wahrnehmen und Dinge stärker oder weniger stark gewichten. Solange solche Urteile und Bewertungen offen kommuniziert werden und ich die Möglichkeit habe, meine Sicht dazu darzulegen und mein Gegenüber auch bereit ist, aufgrund diese (evtl. neuen) Inputs die Situation neu zu beurteilen, ist das ok. Wenn jedem klar ist, dass es sich jeweils um Sichtweisen und nicht um Wahrheiten handelt. Leider passiert genau das meistens nicht, sondern es werden Entscheidungen aufgrund derartiger Beurteilungen getroffen - und in den seltensten Fällen fühlt sich der Beurteilte damit richtig eingeschätzt.
Wenn ich mich intern oder extern auf eine Stelle bewerbe, kann ein Entscheider zu dem Punkt kommen, dass er/sie sich mich an dieser Position nicht vorstellen kann, weil ich fachlich nicht die Anforderungen erfülle. Schwieriger wird es, wenn es eben nicht um fachliche Dinge geht. Wenn Dinge wie "meine Art", "mein Kleidungsstil" oder "die Vorstellung von mir" zu der Entscheidung führen. Dann ist die Verletzung meines Egos beinahe vorprogrammiert. Denn ich kann mir ja durchaus vorstellen, diese Position auszufüllen, sonst hätte ich mich ja nicht beworben.
Ich habe in den 20 Jahren meiner Berufstätigkeit schon einige solcher Entscheidungen mitgeteilt bekommen. "Ich kann das anordnen", "ich sehe Sie da nicht" oder "ich dachte, Sie brauchen noch Zeit" sind da nur ein paar der "Begründungen". Alle beruhen auf der selben Grundlage: Jemand hat sich Gedanken über mich gemacht, diese aber nicht mit mir kommuniziert oder mit meiner Sichtweise abgeglichen. Zugrunde liegt ein Verständnis von Führung, das der Führungskraft alleine die Befugnis und die Verantwortung für das Tun und die Laufbahn der Mitarbeiter zuschreibt. Meiner Erfahrung nach ist das oft gekoppelt mit einer sehr defizitorientierten Sicht auf die Mitarbeiter. "Entwicklung" heißt also oft, dass man genau hinschaut, was jemand nicht kann und viel Energie aufbringt, um das abzustellen. Leider funktioniert das in den seltensten Fällen, was wiederum zu Frust bei den Mitarbeitern und der Bestätigung des ursprünglich Gedachten bei den Führungskräften führt. Ein blöder Kreislauf. Ein Beispiel: Ich bin ein insgesamt eher unstrukturierter Mensch. Ich kann 10 oder 100 Seminare zu Arbeitsplatzorganisation besuchen - ich werde dadurch kaum zum Strukturfreak werden und mein Schreibtisch wird trotzdem immer wieder im Chaos versinken. Stattdessen könnte man auch hinsehen, wieviel Ordnung meine Tätigkeit als Minimum erfordert (ich muss meine Dokumentationen so im Griff haben, dass ich sie finde, wenn sie jemand sehen will) und wie ich es als Anti-Ordner schaffen kann, dieses Minimum zu erreichen, um dann viel Raum und Zeit für das zu haben, was ich wirklich gut kann (nämlich beraten). 
Mein Wunsch wäre ja, dass sich das Verständnis von Führung hin zu einer ressourcenorientierten Sichtweise verändert. Dass "Entwickeln" heißt, den Raum und die Zeit für die Entwicklung zu lassen, Ideen und Anregungen zu säen und Mitarbeiter bei ihrem Wachsen und Reifen zu begleiten. Ich glaube nämlich, dass dann auch die Kommunikation untereinander eine andere wird und aus einer AB- eine BE-urteilung und aus einer AB- eine BE- wertung entsteht und somit nicht mehr so viele Gefahren der Verletzung da ist.
Und noch eines ist ganz wichtig beim Thema Bewerten: Letztlich ist ziemlich egal, was ANDERE von einem denken. Wichtig ist, was MAN SELBST von sich denkt. Denn am Ende des Tages muss man sich selbst im Spiegel anschauen können und sagen "ich finde mich gut, so wie ich bin und ich stehe hinter meinem Tun und meinen Entscheidungen". 


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