Ich habe meine Blog-Frequenz die letzten Wochen runtergefahren, weil ich nicht immer nur motzen und meckern wollte. Aber irgendwann ist es auch mal wieder gut... Ganz ehrlich: Wenn ich noch einmal von irgendeinem Politiker höre "wir entscheiden für die Kinder", dann muss ich schreien.
FÜR die Kinder wurde hier schon lange nichts mehr entschieden. IM SINNE der Kinder schon gleich zweimal nichts. Und in diesem Bereich werfe ich der Regierung/den Regierenden tatsächlich totales Versagen vor.
Ja, mit großer Wahrscheinlichkeit werden die Kinder und Jugendlichen nicht daran sterben, dass sie momentan total ins Hintertreffen geraten. Wahrscheinlich werden Sie auch keine lebensgefährdenden Schäden davon tragen. Trotzdem kotzt es mich an, dass jemand sich hinstellt und sich auf die Schultern klopft dafür, wie toll doch alles gemanagt wird und wie gut wir auch auf die Kinder und Jugendlichen schauen.
Tatsache ist:
Entscheidungen, die die Politik trifft, orientieren sich an der Wirtschaft. Wichtig ist, dass die Wirtschaft (zumindest der produzierende Teil) weiterläuft. Wichtig ist außerdem, dass die Menschen in der Pflege und in den versorgenden Berufen weiterarbeiten können. Das sind zu einem nicht zu verachtenden Teil Frauen. Deshalb war wichtig, die Schulen/KiTas aufzumachen. Um sicherzustellen, dass diese Frauen arbeiten können. Um die Kinder ging es dabei nicht. Nie. Auch nicht einen Tag.
Wenn nämlich mal jemand im Sinne der Kinder denken würde, dann müsste man diverse Dinge denken und vielleicht sogar Ideen sammeln und Konzepte entwickeln.
Dann ...
- ... müsste man sich z. B. überlegen, wie man dem Bedürfnis von Jugendlichen nach Abgrenzung zum Elternhaus und Austausch in Peergroups Rechnung tragen kann.
- ... bräuchte man Konzepte für Vereine.
- ... dürfte man nicht von heute auf morgen über "Auf" oder "Zu" entscheiden.
- ... müssten Ideen her, wie Schule oder KiTa funktionieren kann, ohne dabei das Personal oder die Kinder zu gefährden oder zu verheizen.
- ... dürften nicht die Viertklässler in die Schule, weil die heilige Kuh "Übertritt nach Notenschnitt" nicht angerührt werden darf, sondern die Erst- und Zweitklässler, weil sie die grundlegenden Kulturtechniken des Lesens und Schreibens erst mal erwerben müssen, bis sie sich weiterführendes Wissen selbst über Arbeitsblätter aneignen können - oder wechselweise alle Stufen, weil tatsächlich alle Kinder es aus den unterschiedlichsten Gründen bräuchten.
- ... müsste eine flächendeckende Infrastruktur geschaffen werden, in der aus jedem Klassenzimmer gestreamt werden kann um einen Wechselunterricht endlich sinnvoll gestalten zu können (und das Ganze auch wirklich "Unterricht" nennen zu dürfen)
- ... müssten Schulen und Lehrer durch das zuständige Ministerium unterstützt werden, so dass sie endlich WEGEN des Kultusministeriums und nicht TROTZ des Ministeriums arbeiten könnten.
- ... müssten Untersuchungen her, wie gut verschiedene Maßnahmen gegen Infektionen helfen um Schule für Lehrer und Kinder zu einem sicheren Ort zu machen und Unterricht in Präsenz zu ermöglichen.
- ... müssten kreative Lösungen her. Wie wäre es z. B. mit einem "Sozialtag" alle zwei Wochen, an dem Kinder mit Test die Möglichkeit haben, ihre Klassenkameraden zu treffen und es um soziale Belange und Bedürfnisse geht und nicht um Lerninhalte.
- ... müsste über bislang unantastbare Dinge diskutiert werden (z. B. die Notengebung, Übertrittsnoten, Prüfungen, Unterrichtsinhalte, ....)
- ... wäre es angebracht, die Notenerhebung für dieses Jahr komplett zu streichen.
- ... wäre es an der Zeit, sich für das kommende Jahr schon jetzt zu überlegen, wie mit Leistungserhebungen umgegangen werden soll, ob man vielleicht projektmäßig einfach mal darauf verzichtet oder sich alternativ Konzepte überlegt, wie auch im Distanzunterricht faire Leistungserhebungen passieren könnten (meine persönliche Vermutung ist nämlich, dass wir - Wunder über Wunder - auch im nächsten Schuljahr nicht zurück zur alten "Normalität" kommen werden - aber das wird uns alle im Oktober 2021 vollkommen "überraschen"...)
- ... müssten für Kindertagesstätten Konzepte her, die allen Kindern ermöglichen, regelmäßig, strukturiert und verlässlich in die Tagesstätte zu gehen und nicht innerhalb eines Jahres 6x von heute auf morgen hin oder nicht hin zu können.
- ... wäre es endlich an der Zeit für LANGFRISTIGE und PRAKTIKABLE Konzepte, die sich nicht ausschließlich an der Möglichkeit von Leistungserhebungen sondern vielmehr an den BEDÜRFNISSEN von Kindern und Jugendlichen orientiert.
- ...
Und ja: Das mögen Luxusprobleme sein und Kinder in Kriegsgebieten haben diese Möglichkeit auch nicht... Wir sind hier aber nicht im Krieg - und dafür danke ich Gott!!! Wir leben im Luxus. Deshalb sollten wir uns auch nicht nach unten sondern nach oben orientieren.
Doch statt nachhaltige Konzepte zu entwickeln, beweihräuchern sich unsere Regierenden lieber selbst. So behauptet unser Kultusminister z. B., dass die Teststrategie aufgeht. In der Pressemitteilung vom 23.04.2021 (wohlgemerkt: Der Großteil der bayerischen Schüler war zu diesem Zeitpunkt in Distanzunterricht...) heißt es:
"Eine einmalige, stichtagsbezogene Abfrage des Staatsministeriums an den Schulen hat ergeben, dass bayernweit rund 97% der Schülerinnen und Schüler an den Tests in der Schule teilnehmen, rund 3% bringen das Ergebnis eines Tests mit, der außerhalb der Schule von medizinisch geschultem Personal durchgeführt wurde. Zum Stichtag wurden bei rund 288.000 aktuell gültigen Selbsttests rund 160 Schülerinnen und Schüler in der Schule positiv getestet. In solchen Fällen ist ein anschließender PCR-Test notwendig.
Michael Piazolo betont: „Wenn 97% der Testnachweise im Klassenzimmer erbracht werden, zeigt das: Das Selbsttestkonzept wird von der übergroßen Mehrheit der Schüler und Eltern angenommen. Durch das Testen konnten wir viele Ansteckungen in- und auch außerhalb der Schule vermeiden. Das ist ein wesentlicher Beitrag zur Eindämmung der Pandemie. Die Tests eröffnen eine Perspektive dafür, dass wir bald mehr Klassen in den Präsenzunterricht zurückholen können.“
Mit keinem Wort wird erwähnt, dass Schüler, die nicht getestet werden wollen oder deren Eltern Tests nicht zustimmen, in diesen 100% nicht dabei sind oder wie hoch der Prozentsatz der nicht anwesenden Schüler ist. Genau diese Art der Selbstbeweihräucherung bringt mich mittlerweile an den Rand meiner Selbstbeherrschung.
Mein Appell ist daher: Denkt die junge Generation mit. Nicht nur als Klotz am Bein, sondern als wichtiger Teil der Gesellschaft. Denkt an ihre Bedürfnisse und traut Euch endlich, aus den alten Mustern auszubrechen und innovative Konzepte zu entwickeln. Oder überhaupt Konzepte, die über "Lüften" hinausgehen. Dann bin ich auch wieder bereit zuzugeben, dass Ihr Euren Job gut macht (oder überhaupt macht...). Momentan bekommt das Wort "Politikverdrossenheit" für mich nämlich eine gänzlich neue Dimension...
Du sprichst mir aus der Seele.
AntwortenLöschenMich nervt das Narrativ vom "verlorenen Jahr", die Kinder haben so viel dazugelernt. Jetzt eine "Durchseuchung" in Kauf zu nehmen (anzustreben?) finde ich unethisch, zudem eine erhöhte Inzidenz bei den Kindern (wie sie im Moment zu beobachten ist) auf die Eltern durchschlagen wird. Allen Verharmlosern sei die Doku über die Charité empfohlen. Man will diese Krankheit nicht haben. Man will auch nicht dass die Kinder sie bekommen. Mit dem halbherzigen Maßnahmen fühle ich mich derzeit auch sehr allein gelassen und das macht müde. Und tatsächlich Politikverdrossen.